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Yami no Honou - Flammen der Finsternis

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    • Yami no Honou - Flammen der Finsternis

      Die Geschichte spielt in Kyoto. Genauergesagt im Kyoto von 2013 - die alte, japanische Kaiserstadt, die ihren Hauptstadtrang längst an die pulsierende Metropole Tokyo abgeben musste. Nirgendwo treffen Tradition und Moderne so deutlich aufeinander wie in Kyoto - von manchen auch liebevoll Teak City genannt. Innerhalb dieser Stadt der 1600 Schreine und 400 Tempel gibt es noch eine Welt innerhalb des ganzen. Eine Welt, in der die Moderne gemieden wurde wie das Weihwasser vom Teufel. Erst in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann sich die Karyukai von Gion Kobu langsam zu öffnen. Die Welt der Blumen und Weiden, in der die Geishas - oder hier in Kyoto die Geikos - seit über 250 Jahren die traditionellen japanischen Unterhaltungskünste wie Tänze oder Koto-Musik pflegen. Kyoto ist eine Stadt der Legenden...und steckt nicht in jeder Legende ein Stück Wahrheit?

      Pokemon (C): Satoshi Tajiri; Game Freak
      Nebeninspiration: Elfen Lied (C): Lynn Okamoto

      Diese Geschichte wird meine zweite Hauptprojekt sein und spielt im Gegensatz zu Mischblut im modernen Japan, nicht im mittelalterlichen Frankreich. Auch wenn es im Prolog nicht danach ausschaut, werden auch Pokémon in dieser Geschichte ihre Auftritte haben. Viel Spaß beim Eintauchen in eine völlig andere Welt! : )




      Kapitel I - Karyukai: spätestens Samstag


      Prolog



      Der japanischen Schöpfungslegende zufolge gab es zu Beginn kein "absolutes Böse". Wenn man nach dieser Geschichte gehen würde, gab es die japanischen Inseln und die Ozeane schon lange bevor Leben und Tod Einzug in die Welt hielten. Am Anfang stand das Urgötterpaar Izanagi und Izanami, die die Inseln formten und die Himmelswelt mit Göttern bevölkerten. Berggötter, Windgötter, Meeresgötter, Donnergötter, Felsgötter, Baumgötter und viele andere Wesen entstanden aus der Frucht Izanamis. Doch auch Götter stießen auf Grenzen. Einst gebor Izanami den Feuergott Kagutsuchi. Wie es für einen Feuergott üblich war, brannte dieser am ganzen Körper - er selbst war gegen seine schrecklichen Flammen immun, doch für seine Mutter war die Geburt verheerend. Kagutsuchi war der letzte Gott, dem Izanami Leben schenkte. Ihr Mann, Izanagi, erschlug das für den Tod seiner Frau verantwortliche Wesen mit einem Schwerthieb.
      Izanagi hielt es ohne seine Gattin nicht aus. Tiefe Trauer füllte sein Herz, die er nicht ertragen konnte. Izanagi no Mikoto, "der einladende Mann", fasste den Entschluss, Izanami in der Yomi aufzusuchen. Wörtlich gesehen hieß Yomi "Gelbe Quelle" und beherbergte als Unterwelt das Vergangene. Im Gegensatz zu Takamagahara, der "Hohen Himmlischen Ebene" war Yomi ein ungemein schmutziger Ort. Erst ein Feuer, dass er mithilfe seines Kamms entflammte, ermöglichte es Izanagi, die stockfinsteren Höhlen abzusuchen. Es passte überhaupt nicht zueinander, dass sich ein stattlicher Gott wie Izanagi mit seiner wilden, langen dunklen Mähne und seinem enormen Bart in einer solch unwirtlichen, kargen Gegend aus dunkelgrauen, blanken Felsen aufhielt. Das Gleiche hätte man über Izanami sagen können, deren glatte, schwarze Haare, die die Haarpracht die Izanagis an Länge noch bei weitem überboten.
      Auf einmal horchte Izanagi auf. Er konnte sich kaum bändigen, als er die Stimme seine verstorbenen Gattin vernahm. Wenn er doch nur wieder in ihre fast schwarzen Mandelaugen schauen könnte! Izanagi wünschte, Izanami würde wieder mit him nach Takamagahara kehren, doch sie stellte ihm eine einzige Bedingung. Eine einzige Bedingung. Eine einzige Bedingung, die nicht einzuhalten war. Zumindest nicht für Izanagi: "Schau mich nicht an!"
      Er erkannte seine Izanami nicht mehr wieder. Umgeben von acht kleinen Donnergeistern, erinnerte kaum etwas an die schöne Göttin, die einst Izanagis Gattin war. Verwesung und Verfall ersetzten die einst so glatte, reine Haut; sie sah wahrlich aus wie der Tod. Erzürnt darüber, dass Izanagi sich nicht an die Abmachung gehalten hatte, schwor Izanami der Rückkehr in den Himmel ab. Stattdessen schwor sie etwas ganz anders. Sie würde Izanagi töten, hier und jetzt in der Unterwelt - in ihrer Unterwelt.
      Izanagi rannte, rannte und rannte um sein göttliches Leben. Es war ein gewaltiger Felsen, so sagte man, den Izanagi vor den Eingang Yomis in der Provinz Izumo, das ist ein paar hundert Kilometer westlich der alten Hauptstadt Kyoto, geschoben hat. Izanami gab sich nicht zufrieden, denn da sie, die Dämonin, ihren ersten Schwur nicht erüllen konnte, setzte sie sich einen zweiten zum Ziel. Jeden Tag würde sie eintausend Menschen in diese schmutzige, dunkle, grauenhafte Welt ziehen. Dies war ein Akt, auf den Izanagi reagieren musste. Jeden Tag würde er eintausend und weitere fünfhundert Geburtsstätten errichten, sodass das Leben über den Tod triumphieren würde.
      Der von seiner Reise durch Yomi verschmutzte Izanagi reinigte sich in einem Fluss, worauf drei neue Gottheiten entstanden. Aus seinem linken Auge entstand die Sonnengöttin Amaterasu, seinem rechten Auge entsprang der Mondgott Tsukiyomi und letztendlich entwickelte sich aus dem Schnauben seiner Nase der Sturmgott Susanoo.
      Doch als diese Götter, die später die Nachfolge des zum Rückzug bereiten Izanagis antreten sollten, bereits geboren waren, gab es auf der Welt schon Flammen. Flammen und Finsternis. Den Tod, Dämonen und eine Unterwelt. Finde einen Menschen, der nicht mindestens eines davon zu seinen größten Ängsten zählt. Glaube mir, du wirst niemanden finden. Und wenn doch, ist er kein Mensch, sondern womöglich selbst ein Dämon.

      Team Scowzy - Shitposting is my kink

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    • Wow, ich bin beeindruckt und deine Geschichte gefällt mir so sehr! :)
      Keine Fehler jeglicher Art und für mich nur eine kleine "Verbesserung", die du aber nicht beachten musst:
      "Izanagi rannte und rannte um sein göttliches Leben."
      Klingt irgendwie doof, meiner Meinung nach, ich würde das rauslassen. Wie gesagt, es ist deine Entscheidung. :)
      Schreib viel weiter, ja? Ui, ich freue mich schon richtig darauf! :freu:

      MfG
      Eis
    • Hey Meowstic! :)
      Cool, dass du 'ne neue Geschichte angefangen hast. Nicht, dass ich die alte nicht mochte, doch ich hab viel verpasst und kam nie dazu die ganzen langen Kapitel durchzulesen :sorry: Hier werde ich jedes Kapitel verfolgen, denn der Prolog gefällt mir schonmal sehr! Sehr spannend geschrieben, vor allem diese Göttergeschichten. Ich mochte schon immer so Geschichten über Griechische Götter. Der Einfallsreichtum der Griechen hatte mich immer fasziniert, wie du es getan hast. Selbst erfunden? :bew1:
      Ein bisschen schwer tue ich es mir mit den japanischen Namen, die ich nicht auseinander halten kann :ups: Izanagi und Izanami z.B :ups:
      Sonst gut, ich freu mich auf mehr! :)

      Der Titel erinnert mich leicht an Eis' Geschichte :achja:

      LG Flasta :)
    • Mischblut Kapitel 10 ist gerade beim Betaleser. ^^

      Eins schon mal vorne weg, nichts desto trotz spielt die Geschichte nicht in der Götterwelt. Aber ich will nicht zu viel verraten, was die Hauptperson betrifft. Sagen wir mal so, es wird durchaus "ungewöhnlich" im Vergleich zu allen anderen Geschichten, die ich gesehen habe. :)

      Super, dass es euch bis hierhin gefällt, danke! :D
      Eis' Geschichte heißt so ähnlich, echt? xD

      So ähnlich wie Izanagi und Izanami wird niemand mehr heißen, so viel sei schon mal gesagt. Die beiden hießen eben so, könnt ihr alles nachlesen. Die Kapitel sind Fiktion, die Legende des Prologs allerdings ein japanischer Klassiker. :P

      Team Scowzy - Shitposting is my kink

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    • Kapitel I - Karyukai


      *Touka wird mit einem langen O ausgesprochen, nicht "Tuuka".


      "Dein Geburtstag ist vorbei - heute ist ein Tag wie jeder andere. Das heißt, dass heute wieder Unterricht ist. Die letzten beiden Jahre deiner Ausbildung brechen an. Touka*, ich bin mir sicher, dass du die Okiya und mich stolz machen wirst. Bist dahin heisst es aber trainieren, trainieren, trainieren", belehrte mich Yukisango zum wohl hundertsten Mal. Sicher würde sich jetzt jeder bildlich vorstellen, wie eine besorgte Mutter ihrer Tochter zu Fleiß mahnte. Sowas war in Japan schließlich nicht unüblich. Genauso unüblich war es, dass dieses Mädchen sich keine Serafuku-Schuluniform mit den kurzen Faltenröcken, den langen Kniestrümpfen und den markanten Schleifen oder Krawatten überziehen würde, sobald sie das Haus gen Unterricht verließe. Generell war alles etwas anders hier in Gion Kobu. Die anderen Mädchen säßen nun in einem Klassenraum der Oberschule und würden Mathematik, Englisch, Naturwissenschaft und Politik lernen. Zugegeben, in der Mittelschule vor drei Jahren habe ich ihre Schicksale noch geteilt, doch dann trennten sich die Wege. Ich hatte mein Leben den Künsten gewidmet - ein Leben einer Geiko.
      Der Begriff "Geisha" ist der allgemein Bekannte, jedochbevorzugen wir hier in Kyoto das Wort "Geiko". Während eine Geisha eine "Person der Künste" ist, bedeutet Geiko so viel wie "Frau" oder "Mädchen der Künste". Gerade hier, im traditionsreichen Distrikt Gion Kobu im Osten der alten Kaiserresidenz lernten junge Frauen, die traditionellen japanischen Künste zu pflegen und damit Menschen zu unterhalten. Diese in der Regel fünfjährige Lehre als Maiko besteht auch heute noch aus allen möglichen Disziplinen wie dem Blumenstecken Ikebana, traditionellen Tänzen, der Teezeremonie, Kalligraphie sowie das Spielen verschiedener Musikinstrumente wie den Saiteninstrumenten Koto und Shamisen sowie Trommeln und Bambusflöten. Diese sich in der Ausbildung befindlichen Geikos heißen Maiko, so wie ich eine bin. Ich heiße Touka Fujiwa-... nein, ich hieß Touka Fujiwara. Da mich die Okiya Nishikido adoptiert hatte, heiße ich nun Touka Nishikido. Die Okiyas, sprich die Geishahäuser, sind eine eigene Welt für sich, eine Welt der Blumen und Weiden - die Karyukai. Zutritt in diese Bastionen alter japanischer Tradition haben fast ausschließlich Frauen. Lediglich den Ankleidern ist ein Eintritt über den Empfangsraum hinaus gestattet.
      Alle Geikos einer Okiya trugen den selben Nachnamen. Einst hieß ich Fujiwara, wie bereits erwähnt. Der Fujiwara-Clan war eine adlige Familie, die zusammen mit dem kaiserlichen Geschlecht von Mitte des siebten Jahrhunderts bis zu ihrem Verblassen Ende des zwölften Jahrhunderts Japan regierte und verwaltete. So unrealistisch es im ersten Moment auch klingen mochte, ich wollte nie aufgrund meiner Abstammung arrogant wirken und so tun, als sei ich etwas besseres. Stattdessen kam es mir oft so vor, als ob andere sich so verhielten und meine Offenheit und Freundlichkeit nie erwiderten. Vielleicht lag es ja auch nur an Äußerlichkeiten. In einer Welt, in der die Menschen mit den skurilsten Wesen wie Lahmus, Schlurp oder Palimpalim zusammen wohnten, arbeiteten und spielten, wären Phänomene dieser Art nicht weiter relevant. Doch das schien wohl ein Irrtum zu sein. Ich habe nicht umsonst Yukisango, die jetzige Besitzerin der Okiya mit einer Mutter verglichen, die ihrem Kind nur das Beste wünschte. Ohne sie stände ich jetzt nicht vor meinem Wandschrank, bereit, meinen Yukata, einen dünnen Baumwollkimono, gegen einen offiziellen Kimono einzutauschen.
      Zierliches Gesicht, schlanker Körper und vitale, dunkelbraune, fast schon schwaze Mandelaugen gehörten zum Erscheinungsbild einer Geiko ebenso dazu wie lange, schwarze Haare wie die einer Prinzessin. Die Mondprinzessin Kaguya wäre sicher von jeder Okiya in ganz Kyoto mit offenen Armen empfangen worden. Naja, dies waren nicht die einzigen Merkmale, die ich mit meinen achtzehn Jahren vereinigte. Mir wurde das zweifelhafte Schicksal zuteil, mit zwei kleinen, schwarzen Hörnchen auf dem Kopf und einem schwarzen, katzenähnlichen Schwanz geboren zu werden. Ich habe nicht die geringste Ahnung, woher dies stammte, sicherlich aber nicht von einem Pokémon. Anders als in meiner Schuluniform konnte man beide Merkmale nicht mehr erkennen, sobald ich den langen, prachtvollen Tanzkimono und die üppig dekorierte Frisur einer Maiko trug. Dafür mussten die Haare nämlich oben zusammengebunden und mit Nadeln sowie Kämmen befestigt werden. Trotzdem trug ich meine Haare lieber offen.
      Yukisango hatte vor drei Jahren erst kürzlich die Leitung der Okiya übernommen, als die alte Chefin verstorben ist. Die damals erst Neununddreißigjährige setzte alles daran, um meinen Traum zu erfüllen. Ich wusste genau, wie hart und wie anstrengend ein Leben als Geiko sein würde, jedoch kam nur dieser Beruf für mich in Frage. Aufgrund meiner Liebe zu den Künsten war diese Arbeit die Einzige, die mich erfüllen könnte. Ein Bürojob war für mich einfach undenkbar. Ich bekam immer wieder zu spüren, dass die Mehrheit der bereits etablierten Geikos mich ablehnte. Wie konnte Yukisango es auch wagen, ihren Willen gegen die Mehrheit durchzusetzen - und das für dieses seltsame, gehörnte Kind? Es war sehr hart, aber ich musste mich mit der Häme und dem Spott der anderen arrangieren. Manchmal weinte ich, wenn sie mich "Mouka" riefen, denn "Mou-Mou" ist in Japan der Ruf der Miltank. Eigentlich war das gelogen, ich weinte nicht nur manchmal, sondern oft. Die Sorge der anderen war nicht unberechtigt, da die Okiya die gesamte Ausbildung bezahlte. Sobald die Maiko als erwachsene Geiko Geld verdiente, beglich sie ihre Rechnung mit der Institution, die ihr die Ausbildung überhaupt möglich machte.
      Normalerweise erhielten Maikos auch einen ganz neuen Vornamen, sobald sie in die Okiya eintraten. Einen eher unüblicheren Namen, der allerdings nicht nur schön klingen, sondern auch eine schöne Bedeutung haben sollte. Mein Name bedeutet so viel wie "Pfirsichblüte" und ist nicht besonders häufig. Von daher hat Yukisango, übrigens die "Schneekoralle" beschlossen, dass ich meinen Namen behalten durfte. Nicht nur, dass ein gehörntes Mädchen mit einem Schweif diesen ehrwürdigen Beruf lernen durfte, sie durfte auch noch ihren Namen behalten! Viele der anderen Geikos hielten dies für einen Affront , doch da Yukisango ihre Chefin war, konnten sie sie ihre Abneigung nicht spüren lassen. Keine von ihnen konnte es sich erlauben, es mit jemandem zu verscherzen. Gion Kobu ist klein und Gerüchte sprechen sich schnell rum. Man könnte es mit einer Wingull-Kolonie an einer Steilklippe vergleichen - letztendlich erfuhr jeder, was gerade geschah.
      Mit leeren Augen starrte ich in den großen Kleiderschrank im gemeinsamen Ankleidezimmer und packte einen blauen Kimono, der mit roten Blüten verziert war und einen schwarzen Kranich auf der Rückseite abbildete. Alle Ornamente waren zudem golden umrandet. Jeder Kimono war ein Meisterwerk, es gab keinen, der exakt dem anderen glich, zumindest was die einer Geiko betraf. Sie wurden eigens völlig individuell für ihre Trägerin angefertigt, manche sogar für einen bestimmten, einmaligen Anlass.
      "Touka, du hast gleich Kalligraphieunterricht, keinen Tanzunterricht, hast du das denn wieder vergessen?", rief Yukisango, die das für alle zugängliche Zimmer ebenfalls betreten hatte. Ich war so verpeilt und verträumt ...
      "Tut mir leid, ich habe ... ich war wohl nicht ganz bei der Sache!", entgegnete ich verlegen.
      "Du grübelst wohl zu viel. Naja, beeil dich, du möchtest doch nicht am ersten Tag nach deinem achtzehnten Geburtstag zu spät kommen, oder?", antwortete die Okaasan, übersetzt "die Mama" der Okiya.
      Außerhalb ihrer Arbeit oder des Tanzunterrichts sind Maikos und Geikos gekleidet wie ganz normale, alltägliche Menschen. Ich lief in denjenigen Schlafraum, den ich mir mit zwei anderen Mädchen teilte und öffnete meinen eigenen Wandschrank. Die Küche, das Bad und den Genkan, also den Eingangsflur ausgenommen, waren alle Räume unseres traditionell eingerichteten Hauses mit Tatami-Matten aus Reisstroh als Bodenbelag ausgestattet. Ich wählte ein bordeaux-farbenes Top und einen dunkelblauen Jeansrock. Zusammen mit meinen schwarz-weißen Sneakers würde mich in diesem Moment niemand mehr als Maiko identifizieren. Schon 13:51 Uhr, ich war später dran, als ich gedacht hatte! Ich wollte keineswegs zu spät kommen, von daher rannte ich, nachdem ich meine kleine Ledertasche über die Schulter geworfen hatte, wie eine Verrückte von Gang zu Zimmer und von Zimmer zu Gang. Die meisten Türen innerhalb des Hauses waren traditionell gestaltete Schiebetüren, die ich nicht einfach aufdrücken konnte, sondern zur Seite schieben musste. Als ich endlich über den Genkan die Okiya verließ, brauchte ich nur noch die Hanamikoji-Straße entlang zu rennen, um ein letztes Mal links abzubiegen. Fast alle Häuser Gion Kobus waren im traditionell japanischen Stil gebaut. Zwar durfte gesetzlich kein Haus in Kyoto zum Schutze des Stadtbilds die magische Marke von sechzig Metern übersteigen, aber trotzdem waren viele der älteren Bauten dem Untergang geweiht, da sie durch neue, modernere, aber meiner Meinung nach hässlichere und sterilere Gebäude ersetzt wurden.
      Mitsunari Kanda war ein Mann Ende Vierzig, der sich dazu entschlossen hatte, die Kalligrahpieschule seines Vaters fortzuführen. Sofern es nicht um den Tanz an sich ging, war es durchaus nicht unüblich, dass Maikos bei männlichen Lehrern ihre Künste verfeinerten. Meister Mitsunari legte stets großen Wert darauf, persönlich den Fortschritt seiner Schützlinge zu überwachen, von daher unterrichtete er stets in Kleingruppen, um genug Zeit zur Betreuung aufbringen zu können.
      Völlig außer Puste nach meinem Sprint zur Kalligraphieschule schob ich die Tür beiseite und begrüßte meinen Lehrer: "Konnichi wa, Kanda-sensei! Guten Tag!"
      "Hallo Touka, du hattest es ganz schön eilig. Du sollst dich nicht dabei abhetzen, um um genau 14 Uhr da zu sein, ich persönlich habe nichts dagegen, wenn du einmalig fünf Minuten zu spät kommst. Schließlich ist mir das letzte Woche doch auch passiert", erklärte Meister Mitsunari locker, während er sich an seinem seit sicher zwei oder drei Tagen unrasierten Hals kratzte. Auf einmal wurde mir schwindlig. Ich war keine großartige Sportlerin und wenn es etwas gab, was ich überhaupt nicht leiden konnte, dann war es rennen. Ich fühle mich danach stets so unwohl und hatte oft das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Ich sah nach links und nach rechts, doch das letzte, was ich klar vor Augen sah, war das Lächeln meines Lehrers mit seinen markanten, leicht silber glänzenden Haaren. Zwei andere Mädchen waren ebenfalls schon angekommen, ich glaube es waren Ayumi und ... nein, vielleicht war es gar nicht Ayumi, sondern Reika ...
      Ich verlor nun vollständig die Kontrolle über mein Bewusstsein und merkte nur noch, wie ich auf die Knie sank und nach vorne überkippte ... alles schwarz ...


      Achtzehn Jahre. Achtzehn Jahre hat es gedauert, bis ich zumindest teilweise die Kraft, die in mir schlummerte, beherrschen konnte. Ich versuchte bereits früher, mit Zutritt zu jener Welt zu verschaffen, doch damals war ich zu schwach. Schwach. Was war das überhaupt für ein Wort? Jedenfalls nichts für mich. Ich wurde nicht geboren, um schwach zu sein. Das ist Aufgabe der Menschen. Das erste, was ich nach langer Zeit in vollem Bewusstsein erblickte, war ein seltsamer Raum. Ich hatte Schuhe an und kniete unmittelbar vor Tatami-Matten, die normalerweise nicht mit Schuhen betreten werden sollten.
      "Touka, bist du okay?"
      "Hast du dir wehgetan?"
      "Alles in Ordnung? Touka, fühlst du dich krank?"
      Was? Nein. Die ersten beiden Fragen gehörten zu zwei Gören, die sich je links und rechts vor mir positioniert hatten. Die letzte Frage gehörte zu einem Mann, der sich mir langsam näherte.
      "Nein, mir geht es bestens, ihr Verrückten. Und ihr zwei Dumpfbacken geht jetzt zur Seite, habt ihr mich verstanden?", fauchte ich die beiden ungefähr gleichaltrigen Mädchen an.
      "Touka! Lass mich dir doch hochhelfen!", winselte die Linke, die einen kurzen, brünetten Pferdeschwanz trug. Ich ignorierte ihre Worte und richtete mich selber auf.
      Es war mir eine Freude, dem Mädchen ihre Unwissenheit vor Augen zu führen und sie dabei hämisch anzugrinsen: "Du Dumpfbacke, wieso nennst du mich immer Touka? Ist mein Name so schwer auszusprechen? TOU - KUU - NAA - RAA! Tokunara, verstanden?"
      "Tokuna-... wie? Ist Touka als nur dein Spitzname gewesen?", fragte sie verlegen nach. Ihr Lächeln war gequält und es schien, als käme ihr die ganze Situation unheimlich vor. Na zum Glück. So viel Blödheit schrie gerade danach, als Testobjekt für meine Kräfte zu dienen, aber ich befand es für ungut, dies in einem Raum mit Tatami-Matten und Papierwand-Türen zu demonstrieren.
      Von daher musste ich dem dummen Menschlein eben etwas anders auf die Sprünge helfen: "Sag mal, was redest du da für ein albernes Zeug? Ich habe das Gefühl, du tickst nicht mehr ganz richtig."
      "Touka, was soll denn dieses Theater? Hör auf, so dreist mit Akari zu reden. Seid ihr nicht Freundinnen? Wenn nicht, scheint meine Beobachtungsgabe als Lehrer untauglich zu sein", redete der Mann auf mich ein. Dass ich nicht vorher auf die Idee gekommen bin, wunderte mich im Rückblick. Wenn ich etwas gar nicht leiden konnte, dann waren es irgendwelche Dummschwätzer, die sich in meine Angelegenheiten einmischen wollten.
      "So, hör mir zu, Silberrücken", rief ich gereizt zurück, während ich meine Arme nach vorne ausbreitete: "Ich gebe generell nicht viel auf den Rat von anderen Leuten, und bei dir mache ich gewiss keine Ausnahme!" Mehrere pechschwarze Strahlen trafen den Bauch des Mannes, der mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Knie sank. Na also. Ich beherrschte zumindest mal die Unheilböen...




      So sieht eine Okiya ungefähr aus. :)


      Team Scowzy - Shitposting is my kink

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    • Das Zweite direkt hinterher, danach ist erstmal etwas Pause zum Lesen, denke ich. Naja, wie dem auch sei, viel Spaß! ^^

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      Kapitel II - Ankoku


      Da kniete er nun am Boden und versuchte sich, mit seinen geballten Fäusten an den Tatami-Matten abzustützen. Ich hoffte sehnlichst, dass dieser Idiot seine Lektion gelernt hatte, denn ich konnte auch anders. Ganz anders. Zumindest glaubte ich dies, ausprobiert hatte ich es noch nicht.
      "Touka! Bist du verrückt geworden? Ich ... ich verstehe das nicht!", rief er, als er versuchte, sich wieder aufzurichten: "Erkennst du micht nicht mehr? Mein Name ist Mitsunari Kanda und bin dein Kalligraphielehrer!" An für sich war das gut zu wissen, aber es interessierte mich nicht wirklich wie der Name dieses Mannes lautete.
      Kalligraphie allerdings hörte sich interessant an. Ich nahm den Pinsel auf dem niedrigen, schwarzen Tisch und begann damit, auf das Papier, was wohl einem der beiden anderen Mädchen gehörte, zu malen. Einen langen, waagerechten Stich oben, darunter eine Art langes Komma, dass ich sowohl oben als auch kurz vor dem Ende des linken mit einem weiteren, längeren auf der rechten Seite verband. Auf die rechte Hälfte unter der Linie malte ich einen senkrechten Strich, der im rechten Winkel nach rechts abging und am ende nach oben zeigte. Ungefähr in der Mitte des rechten Teils malte ich einen von Nordosten nach Südwesten zeigenden Strich, der mit senkrechten Linie auf halber Höhe kollidierte. Fertig war das Schriftzeichen Shi, der Tod. Jigoku, Rengoku, Itami, Ikari und Ankoku folgten, bis mir das zweite Mädchen, dass in seinen kurzen schwarzen Haare eine goldene Spange trug, den Pinsel aus der Hand schlug. Ich konnte es nicht glauben, dass sie es tatsächlich gewagt hat, mich zu stören. Es gab noch so viele andere Begriffe, die es wert waren, kalligraphisch verewigt zu werden, außer "Hölle", "Fegefeuer", "Schmerz", "Zorn" und "Finsternis".
      Ich fühlte mich sehr unbehaglich, als mich die Göre mit entschlossenem Blick anfixierte. Sie wusste wahrlich nicht, zu was ich - zumindest in der Theorie - in der Lage war.Ich konnte nicht begreifen, wie so sie nicht vor Angst erstarrt in der Ecke kauerte. War ich nicht bedrohlich genug? Sie griff an ihren Gürtel und zückte einen Ball. Ich hatte den gleichen Prozess schon vor zehn Jahren, als ich das erste Mal aktiv erwacht war, gesehen. Als ob es etwas Selbstverständliches wäre, wenn ein Pokémon egal welcher Größe aus einem Ball springen würde.
      "Heihachiro, kümmere dich um sie!", rief das Mädchen, als ein Hoothoot seinen Ball verließ. Ich hätte sowas eigentlich ahnen müssen, aber so plagte mich ein gewisses Problem. Ich befürchtete, dass schon die einfachsten Attacken das kleine Eulenpokémon nicht nur besiegen, sondern direkt über den Jordan schicken würden, denn ich konnte nicht einschätzen, wie viel Schaden es einstecken konnte. Ich liebte Pokémon und könnte es mir nie verzeihen, auch nur eines dieser wundervollen Wesen aus dem Leben zu reißen. Für solche Situationen wäre ein eigenes Pokémon keine schlechte Idee, aber ich grübelte in diesem Moment zu lange und starrte wie gebannt auf Hoothoot. "Heihachiro, setz' Hypnose ein!", rief die Schülerin. Ich sah in meinem Augenwinkel, wie der Mann wieder endgültig aufrecht stand und das andere Mädchen sich entsetzt die Hände vor den Mund hielt, doch dann begann ich langsam, die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Ich nahm nur noch Umrisse und Farben war, die von Sekunde zu Sekunde dunkler wurden. Da ich zum Malen schon am Boden kniete, griff ich nach dem maximal einen halben Meter großen Tisch und versuchte zu verhindern, mit meinem Kopf irgendwo aufzuschlagen. Dann erlosch mein Bewusstsein ...


      Yukisango packte mich an den den Schultern und rüttelte mich, während sie mit besorgter Stimme fragte: "Touka, was in aller Welt ist bloß in dich gefahren? Durch solche Aktionen zerstörst du dir deinen Traum, eine großartige Geisha zu werden! Nicht nur das, sowas rückt leider auch die Okiya als ganzes in schlechtes Licht! Mensch, Mädchen, was hast du dir dabei bloß gedacht?" Was war nur los? Ich verstand die Welt nicht mehr! Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, nachdem ich ohnmächtig wurde! Ich war starr vor Schreck, als die Okaasan mich schüttelte. Ich hatte nichts falsch gemacht, ich könnte doch nicht einmal einer Fliege etwas zu Leide tun! Ich blickte sie verängstigt mit weiten Augen an, um mir ihren Rat zu erbitten, jedoch war sie genau so verwirrt wie ich selber.
      "Ganz großes Kino, dafür hast du dir einen Applaus verdient, meine Liebe." Es war niemand geringeres als Satori, die hämisch Beifall klatschte, als sie das Esszimmer betrat. Sie war mindestens so arrogant wie schön. Von allen hier im Haus war die Dreiundzwanzigjährige gewiss die, die mich am wenigsten leiden konnte. In Yukisangos Gegenwart hielt sie sich im Normalfall eher zurück, aber wehe wir beide waren alleine in einem Raum. Sie zögerte keine Sekunde, um mich mit ihrer schier grenzenlosen Verachtung zu überfluten. Satori ärgerte es nicht nur, dass Yukisango eher auf meiner Seite stand als auf ihrer. Sie befürchtete, dass ich ihr in Zukunft den Rang ablaufen könnte. Nicht, dass das besonders war, denn das widerfuhr letztendlich jeder Zweiten von uns, aber zusammen mit meinen Hörnern und dem Schweif waren das mehr als genug Gründe, um mir mein Leben jeden Tag ein Stück in eine Hölle zu verwandeln.
      Die ganze Situation schien wie Wasser auf ihre Mühlen zu wirken, nichts kam ihr gelegener, um mich am Boden zu sehen. Ich wollte mich zusammenreißen, mir durften nicht schon wieder die Tränen kommen! Nicht vor IHR! Diesen Triumph konnte ich Satori nicht gönnen.
      "Satori, spar dir deine Kommentare für sinnvollere Momente auf. Touka hat einen Fehler gemacht, der inzwischen verziehen wurde. Es gibt keinen Grund, weiter auf sie einzudreschen." Dies war eine glatte Lüge, denn Yukisango hatte doch eben erst davon erfahren, wie konnte sie sich dann in meinem Namen entschuldigt haben?
      "Schick' die Kleine zum Arzt, so ein Anfall ist ja krankhaft. Widerwärtig!", schnaubte Satori verächtlich, als ob sie ganz genau wüsste, was dort angeblich vorgefallen war und verließ das Zimmer. Aber ich konnte mich an nichts erinnern!
      Yukisango nahm mich in den Arm und sprach mit sanfter Stimme zu mir: "Touka, vielleicht war Satoris Vorschlag gar keine schlechte Idee. Dr. Ishida ist Spezialist für rätselhafte Erscheinungen auf dem Gebiet der Medizin und der Psychologie. Er ist eine regionale Koryphäe, denn er ist nicht nur in Kyoto, sondern in der ganzen Kansai-Region, also auch in Osaka, in Himeji oder Kobe anerkannt. Sogar sein Vater hatte als Arzt in der Kaiserlich Japanischen Armee gedient. Nicht, dass ich das schönreden möchte, aber rein fachlich bezogen, ist er ein vorzüglicher Arzt." Hervorragend. Die Kaiserlich Japanische Armee war im Zweiten Weltkrieg für viele Kriegsverbrechen verantwortlich, weshalb es keine Information war, die mich besonders glücklich stimmte. Aber vermutlich machte ich mir einfach nur zu viele Sorgen. Ich hatte immer chronische Angst davor, wie die Ärzte reagieren würden, wenn sie neben meinen Hörnern auch noch den Schweif sahen.
      "Ach ja, übrigens ...", sprach die einen mit einem indigoblauen Gürtel versehenen, rot-goldenen Kimono tragende Chefin der Nishikido-Okiya, die stets darauf achtete, so edel gekleidet sein, wie es ihrer Stellung entsprach: "Morgen wird Miyoharu ihre Ausbildung beenden. Das heißt, dass tagsüber nun noch eine Geisha mehr verfügbar sein wird, da sie ja nicht mehr terminlich zum Unterricht muss." Der offizielle Arbeitstag einer Geiko begann normalerweise am frühen Abend, je nachdem, wann die Veranstaltung eröffnet wurde und endete in der Nacht, sodass es durchaus 1 Uhr, 2 Uhr oder 3 Uhr nachts werden konnte, bis alle wieder zuhause waren. Sobald die Ausbildung abgeschlossen war, mussten sie sich immer noch weiterbilden und üben, allerdings waren sie nun viel freier, um ihre Zeit einzuteilen. Ich würde noch zwei Jahre warten müssen.
      Yukisango fuhr lächelnd fort: " Weißt du, was das heißt? Wir werden endlich dazu in der Lage sein, jedem Mitglied ein Pokémon zu geben. Du weißt ja, dass wir durchaus genug Zeit hatten, um uns um einige zu kümmern, jedoch empfand ich es als ungerecht, wenn nicht jede von uns einen Partner hatte. Die Aizaki-Okiya ist zum Beispiel seit Jahren für die ausdrucksstarken Tänze mit ihren Evoli-Entwicklungen bekannt. Mit der Zeit zogen die anderen Okiyas nach und stellten damit eine viel größere Attraktion als wir. Wenn wir nicht bankrott gehen wollen, haben wir keine andere Wahl. Aber ich glaube nicht, dass jemand etwas dagegen hat, denn Pokémon sind wundervolle Wesen!" Wie recht sie doch hatte. Ich träumte schon immer davon, mein eigenes Pokémon zu besitzen und hätte mir problemlos eins fangen können. Doch ich stellte meinen Traum zum Wohle der allgemeinen Harmonie hintenran. Satori war sowieso schon der Meinung, das Yukisango mich bevorzugt behandelte, was würde sie dann nur sagen, wenn ich ein Pokémon hätte und sie eben nicht. Eifersucht auf einem derart enormen Niveau wäre für die Okiya nicht tragbar gewesen und wir alle hätten unser gemeinsames Ziel aus den Augen verloren, nämlich großartige Künstlerinnen zu sein.
      Ich zog mich in meinen Schlafraum zurück und fand glücklicherweise einen leeren Raum vor. Was war nur, wenn Meister Mitsunari und die beiden Mädchen schwer verletzt waren? Yukisango sagte mir, dass mein Lehrer nur leicht verletzt war, aber vielleicht wollte sie mich nur beruhigen. Wenn das ihre Intention war, hatte sie dies verfehlt. Ich schaute in den Spiegel und starrte in meine eigenen Augen.
      "Touka, du würdest solche schlimmen Sachen nie tun ... oder?", sprach ich zu meinem Spiegelbild. Ich sah in meinen dunkelbraunen Augen nur Besorgnis und Schmerz mit einer Spur Verzweiflung. Sie waren dunkelbraun, nicht rot, wie es Meister Mitsunari im Gespräch mit Yukisango dargestellt hatte. Ich musste diese Sache so schnell wie möglich vergessen und abschließen, sobald ich mich persönlich entschuldigt hatte.
      Ich nahm meinen beigen Futon, eine dicke Schlafunterlage mit Decke, aus dem großen, weißen Wandschrank, der aus hellem Zedernholz gebaut war. Ich breitete sie aus, legte mich hin und versuchte für einen Moment, diesen schrecklichen Tag zu vergessen.

      "Touka-chan! Alle sitzen schon zum Abendessen, wo bleibst du denn?", rief eine helle Stille fast schon verwundert. Ich blickte nach rechts auf meinen Digitalwecker und musste feststellen, dass ich gerade mal fünfundzwanzig Minuten geschlafen hatte. Schon 18 Uhr 38. Fukumomo stand in einem blau-weißen Yukata vor mir und riss die Decke an sich. "Hey, du musst sofort kommen, sonst wird Satori wieder ... du weißt schon ... äh ..."
      "Unwirsch? Das ist sie doch immer", erwiderte ich unserem Nesthäkchen. Fukumomo, oder Natsumi, wie sie mit richtigem Namen hieß war mit sechzehn Jahren das jüngste Mitglied der Geikofamilie. Sie war vielleicht etwas naiv und noch um einiges tollpatschiger als ich, aber sie schien sich nicht an meinen Besonderheiten zu stören. Ich hoffte nur, dass sie sich nicht so sehr von Satori beeinflussen lassen würde.
      Angekommen im Speisesaal, dessen Zentrum der ebenholzfarbene Holztisch bildete, erschnupperte ich einen aromatischen Geruch, der mir das Wasser im Munde zusammenlief.
      "Hallo Touka, hast du deinen faulen Hintern auch mal hierhin bewegt? Schön, dann können wir endlich anfangen", ätzte Satori, die sich gelangweilt mit dem Ellenbogen auf dem Tisch abstützte. Ich konnte immer noch nicht nachvollziehen, wie Atsuko Hiramoto diesen Namen erhalten hatte. Vielleicht dachten sie ja, dass sie eines Tages doch zur buddhistischen Erleuchtung, was ihr Künstlername schließlich bedeutete, kommen würde. Weit gefehlt, denn ihre Arroganz wurde eher von Tag zu Tag unausstehlicher, so schien es zumindest mir. Ich nahm neben Fukumomo und Yukisango Platz und sah, wie die Okaasan zwei große Platten mit gebratenen Enten auf den Tisch stellte.
      "Wie ihr wisst, hat Miyoharu vor wenigen Stunden ihren letzten offiziellen Unterricht beendet. Das heißt, dass bald ihre Erikae-Zeremonie ausgeführt wird. Der rote Kragen ihres Kimonos wird gewendet und von fortan wird sie einen weißen Kragen tragen, wie alle erwachsenen Geikos. Nun ist es auch soweit, dass ich etwas anderes, lange Erwartetes bekanntgeben möchte. Bisher war es uns nicht möglich, für jedes unserer zwölf Mitglieder ein Pokémon zu halten. Doch nun verfügen wir über genug reife Mitglieder, die sich dieser Aufgabe annehmen werden, was natürlich nicht heißt, dass die Maikos sie nicht unterstützen werden. Die Maikos, die keinen Auftritt haben, werden sich abends um alle Pokémon kümmern." Sofort begann das große Tuscheln. Sicher hatten sich die meisten schon Gedanken gemacht, welches Pokémon sie wählen würden, doch war dies überhaupt realisierbar? Ein Glurak konnte ganz sicher nicht in einer Okiya wohnen, generell waren die meisten Feuerpokémon aufgrund des hohen Holzanteils und der Papierwände disqualifiziert. Aber trainierte Satsuki Aizaki nicht auch ein Flamara? Ich starrte wie gebannt in unseren Garten, den man aufgrund der großen, niedrigen Fenstern an der Nord- und der Ostseite des größtenteils in dunkelbraun und weiß gehaltenen Esszimmers sehen konnte, ganz im traditionellen, japanischen Stil mit viel Bambus und jungen Ahornbäumen. Welches Pokémon würde überhaupt am besten zu mir passen?

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    • Kapitel III - Maru


      Die Frage nach den Pokémon würde erst in ein paar Tagen beantwortet werden, erfuhr ich. Von daher kehrte zumindest vormittags mein gewohnter Alltag nach den Ereignissen von gestern zurück. Leider hatte es Yukisango es geschafft, schon für den jetzigen Tag einen Termin mit Dr. Ishida zu vereinbaren.
      Bekleidet in einem orange-rotem Kimono, dessen Farbe gewissermaßen den Sonnenaufgang verkörpern sollte, stieg ich in den Bus, immerhin war die Arztpraxis ungefähr zwei Kilometer von der Okiya entfernt. In der Nähe lagen auch die Tempel des Kiyomizu-Komplexes und ein gewaltiger Friedhof, in dem man sich problemlos verlaufen konnte. Unter dem Kimono trug ich meine Alltagskleidung, was eigentlich ganz und gar nicht üblich war, denn schließlich war ich dort auch dazu gezwungen, meinen Schweif zu zeigen. Versteckt hinter Bambusbüschen stand ein kleines, weißes Häuschen. Vor diesem standen mehrere Töpfe mit blühenden Azaleenbüschen, rechts davon stand ein Schild: "Dr. Shigetaro Ishida - Experte für körperliche und psychische Abnormalitäten".
      Ich fühlte mich gekränkt, denn dieser Titel ließ eher auf ein Irrenhaus als eine normale Arztpraxis schließen. An einen solchen Ort schickten sie mich? Ich war nicht abnormal, wie alle anderen Mädchen auch! Es tat weh, den Schriftzug dieses Schildes zu sehen, der sich zunehmend in mein Gedächtnis einbrannte. Ich blickte auf meine Uhr und sah, dass ich nur aufgrunddessen, dass ich mich darüber geärgert hatte, zu spät dran war. 17 Uhr 31. Naja, eine Minute, dafür würde mir sicher niemand den Kopf abreissen. Schließlich musste ich selbst etwas warten, bevor mir Dr. Ishida die Tür öffnete. Er war ein Mann in seinen Fünfzigern, dessen auffälligstes Merkmal ein markanter, langer Schnurrbart war. Unter seinem weißen Arztkittel trug der Arzt ein olivgrünes Hemd, zudem eine Hose in der selben Farbe.
      "Gut, du bist also Touka. Du siehst sehr interessant aus ... und das meine ich durchaus positiv. Mein Name ist Shigetaro Ishida. Weswegen wolltest du mich sprechen?" ich wollte ihn gar nicht sprechen, schließlich ist die ganze Idee auf Satoris Mist gewachsen. Aber da Yukisango sich so große Sorgen um mich machte, würde sie mich nie damit in Ruhe lassen. Ishida versuchte, in seiner Stimme so viel Zärte wie möglich mitklingen lassen, aber dies erzielte bei mir nicht ganz den gewünschten Effekt. Seine kleinen Augen musterten mich im fahlen Licht des Flurs.
      "Hat ... hat Madame Yukisango das Euch nicht erzählt? Ich kann mich selbst nicht daran erinnern, was passiert ist!", klagte ich verzweifelt.
      "Verstehe, dann muss ich ein paar allgemeine Untersuchungen anstellen, um zu überprüfen, was dafür verantwortlich war. Folge mir", sprach der Doktor, der eine Tür mit Warnschild öffnete: "Achtung, Röntgenstrahlen". Eigentlich hatte die Praxis alles, was sie brauchte, im großen Raum, ein Wartezimmer war mit zwei Holzbänken darin sogar integriert. An der hinteren Wand standen große, weiße Medizinschränke, hinter deren durchsichtigen Vitrinentüren man Impfnadeln, Verbände und allerlei anderes medizinisches Repertoire ausmachen konnte. Sicher wollte er sich anschauen, warum ich diese kleinen Hörner aus Knochen hatte. Ishida kratzte sich an seiner vernarbten, unsauber rasierten Wange und geleitete mich, nachdem ich den Yukata abgelegt hatte, eine Treppe herunter und in der Tat entdeckte ich in einem relative großen Raum ein Röntgengerät, dass wie ein weißer Kran über der Hochliege hing. Die restliche Einrichtung war in weiß und metallic-blau gehalten, allerdings wirkten die dunkelgrauen Steinwände wenig einladend.
      "Touka, leg' dich bitte auf die Liege. Wir beginnen jetzt mit der Röntgenaufnahme." Davon mal abgesehen, dass ich mich fragte, was dies bringen würde, erregte etwas anderes meine Aufmerkamkeit. An einer Wand war eine Flagge angebracht, auf der einen sechzehnstrahlige Sonne bedrohlich in blutroter Farbe auf weißem Grund glühte. Diese Flagge war nichts geringeres als die japanische Kriegsflagge aus dem Zweiten Weltkrieg.
      "Was macht denn diese Flagge dort, Dr. Ishida? Ich möchte nicht unhöflich sein, aber mir gefällt die normale Hinomaru viel besser", versuchte ich ihm so höflich wie möglich nahezubringen, dass ich mehr als beunruhigt war.
      "Das ist nichts weiter als eine Erinnerung an meinen Vater, der damals im Krieg als Arzt gedient hatte. Er hat auch hier in Kyoto studiert, doch geboren ist er in der Nähe von Tokyo", erklärte der Arzt.
      Mir kam es vor, als ob die Lampe gerade so viel Licht eingeschaltet hatte, wie nötig war. In Wirklichkeit war der Raum eher dunkel als hell. "Na gut, Touka, bring es hinter dich. Ist doch alles gar nicht so schlimm, dauert doch maximal fünfzehn Minuten", versuchte ich mir immer wieder klarzumachen. Mein Schweif sprach eine andere Sprache, wie wild peitschte er nervös hin und her, ich konnte ihn in dieser Situation einfach nicht kontrollieren! Ich lag mich auf die Liege und ließ die Röntgenstrahlen über micht ergehen. Wie erwartet schenkte der Doktor den Hörnern und dem Schweif die größte Aufmerksamkeit.
      "Das sieht ja alles sehr außergewöhnlich aus, aber ich kann nichts erkennen, was das Problem aufklärt.", murmelte er, als er die Röntgenbilder auf dem Monitor noch einmal genau unter die Lupe nahm. Endlich, dann konnte ich gehen. Zum Glück war dieser Spuk vorbei.
      "Bleib liegen, ich hole etwas Material aus dieser Kammer. Ich denke, es hat mit dem Gehirn zu tun." Oh, nein. Da die Röntgenaufnahmen abgeschlossen waren, gab es keinen Grund mehr für mich, in diesem unwirtlichen Raum zu verweilen. Ich sprang leise wie ein Eneco von der Liege, schaltete mein Handy ein und trippelte die Treppe hoch.
      Abgeschlossen.
      Es gab keinen Grund, diese Tür abzuschließen.
      Ich tippte die Nummer blitzartig in mein Handy ein und hörte mein Herz hektisch schlagen. In diesem Moment berherrschte absolute Stille den Raum.
      "Hallo, Touka Fujiwara hier! Ich bin in der Praxis Ishida in Kyoto-Higashiyama eingesperrt worden! Das ... das ist doch nicht erlaubt, oder? ... Ich muss auflegen! Bitte helft mir!", flüsterte ich in mein Telefon und steckte es wieder in die Seitentasche meines Rocks. Ich hoffte nur, dass eine Streife möglichst in der Nähe war.
      "Was machst du denn dort oben? Wir waren noch nicht fertig, leg dich wieder hin", sprach die Gestalt, die gerade den Behandlungsraum betrat.
      "Wenn ich mich nicht wohlfühle, kann ich jederzeit gehen, das ist mein Recht!", wimmerte ich verängstigt. Das Licht war so fahl, dass ich aus dieser Entfernung nicht mal die Augen meines Gegenübers erkennen konnte. Er richtete sein Gesicht auf mich und sprach weiter:
      "Dass du dich hier nicht wohlfühlst, beleidigt mich. Möchtest du es nicht versuchen? Schließlich habe ich nur für Madame Yukisango diesen Termin extra eingeschoben", krächzte der Mann.
      "Ich will hier raus! Sofort!", schrie ich verzweifelt und schlug mit aller Gewalt gegen die Tür ein - erfolglos. Ishida kam näher und holte etwas metallisch glitzerndes hervor, ich konnte aber nicht mehr erkennen.
      "Kyaaaaaaaaa!"
      Ein elektrischer Schock fuhr mir durch die Glieder und ich sackte voller Tränen zusammen. Ich hätte nie gedacht, dass ein Elektroschocker eine solche Kraft besaß. War nun alles aus?


      Als ich meine Augen öffnete, erblickte ich eine potthässliche, weiße Decke. Ein unangenehm kaltes, hellblaues Licht schimmerte auf mich herab. Ein alter, etwas kränklich aussehender Mann mit Schnurrbart stand neben mir und bereitete irgendwas auf einem Beistelltisch vor. Zu meinem Unbehagen musste ich feststellen, dass ich mit Armen und Beinen an eine Art Krankenhausliege befestigt war.
      "Du möchtest also spielen? So ein Zufall, das trifft sich ja perfekt! ich möchte nämlich auch mit dir spielen!", grinste ich den Kerl an. Er schien zwar etwas perplex, aber er beobachtete mich neugierig. Ich sah, wie seine linke Hand einen Schlauch in der Hand hielt, der in einer spitzen, dicken Nadel endete. Der Schlauch entsprang einer seltsamen Glasflasche, die mit einer merkwürdigen, braunen Flüssigkeit gefüllt war. Orangene und gelbe Quadrate, auf denen in der Dunkelheit nicht klar erkennbare Zeichen abgebildet waren, prangten auf dem Behälter.
      Ich wusste nicht, was es war, aber ich wertete es als einen persönlichen Angriff gegen mich. Meine Arme waren so zierlich, sodass ich sie, obwohl sie festgeschnallt waren, drehen konnte, sodass die Handflächen nach oben zeigten.
      "Leg dich wieder hin und stör' mich nicht bei der Arbeit", knurrte der alte Mann mich an. Ich hatte doch nicht gefragt, dass ich mit ihm spielen wollte. Ich hatte es entschieden!
      "Du bist doch bestimmt ein guter Japaner. Dann weißt du doch sicher auch, was dieses Zeichen hier bedeutet", konterte ich süffisant, während meine Handflächen begannen, zu glühen. Ich versuchte, in meiner linken Hand genug Energie zu bündeln und hoffte inständigst, dass ich Erfolg haben würde.
      "Aaaaaaah! Du verdammtes Miststück, was tust du da?", schrie der wohl selbsternannte Gott in Weiß, als sich ein aus Feuer gebildeter Ring, der meine Handinnenfläache verließ, tief in seinen Körper brannte und dem Geschrei zufolge höllische Schmerzen verursachte. Ich fand das amüsant.
      "Nun, was ist das für ein Zeichen auf deinem Bauch? Was bedeutet dieses Zeichen in einem Text?", fragte ich ihn belustigt. Der Kerl röchelte und schnaufte wie ein Verrückter, dabei hätte es ihn doch durchaus schlimmer treffen können. Da er selbst nicht antwortete, musste ich selbst auflösen: "Das ist ein Maru, also ein Kreis. Diesen verwendetet man in Jahreszahlen, die eine Null enthalten. Eine Null! Siehst du die Verbindung? Eine Null, genau wie du!" Ich war ein bisschen enttäuscht, dass er sich nicht selbst auf die Schulter nehmen konnte, aber vielleicht hatte ich auch zu hohe Anforderungen gestellt.
      "Dafür wirst du zahlen, das schwöre ich dir!", zischte er, als er mit einer Hand an einer anderen Apparatur herumwerkelte. Doch gerade in dem Moment überschlugen sich die Ereignisse.
      Die Tür am Ende der Treppe klatschte auf und eine Horde uniformierter Leute stürmten mit ihren Fukano den Raum. Allen voran ein Vulnona, das viel heller als normale waren, gerade in diesem eher dunklen Raum fiel dies gut auf. Das Vulnona hielt kurz inne, schaute zu mir und dem, der mich gerne gepeinigt hätte, lud einen Feuerstrahl in seinem Maul auf und traf den Mediziner mitten in den Bauch. Schmerzverkrümmt lag er am Boden, aber ich war ganz und gar nicht damit einverstanden, dass das Vulnona mir dazwischenfunkte.
      "Vulnona, stopp! Das übernehmen wir!", rief einer der Uniformierten, scheinbar ein Polizist, der seine Truppe zu dem Verwundeten führte.
      "Halt, was soll denn das hier bitte werden? Ich war gerade dabei, diesen Lackaffen in die ewigen Jagdgründe zu schicken! Ich gebe euch zehn Sekunden, zu verschwinden!"
      Die Polizisten schienen das nicht zu verstehen. Die Fukano bissen dem vor Schmerzen grollenden Arzt in die Gliedmaßen, während die Ordnungshüter dem Mann die Handschellen anlegten.
      "Zehn, neun, fünf, zwei, eins, ein halb, habt ihr was an den Ohren? Ich war noch lange nicht fertig mit diesem Kerl!", schrie ich und versuchte mich, von dem Bett zu lösen, doch es mochte mir einfach nicht gelingen.
      "Ich kann verstehen, dass dieser Mann dir böse Dinge antun wollte, junge Dame. Doch um seine Bestrafung kümmern wir uns, die Polizei", sprach der Chef der Polizisten: "Gott sei Dank hast du uns gerufen, wer weiß, was sonst mit dir passiert wäre."
      Nein. Nein, nein, NEIN! Ich hatte die nicht gerufen, soweit käm's noch! Ich hätte mich auch selbst befreien können, auch wenn das Schmelzen der Metallfessel vielleicht etwas gedauert hätte!
      Ein Beamter senkte seinen Kopf mit einem seltsamen blau leuchtenden Blick auf meine Höhe und flüsterte mir ins Ohr: "Du solltest mir dankbar sein. Wäre ich nicht vor den Polizisten hier drinnen gewesen und hätte diesen Mann nicht verletzt, wäre die Wunde auf seinem Bauch auf dein Konto gegangen. Du weißt schon, dass die Polizei dir auf die Spur kommen würde, oder?" Das weiße Vulnona sprang auf das Bett und stieg auf meine Brust: "Schau mich an, wenn ich mit dir rede, ich bin hier." Richtig, Vulnona konnten ja durch Gedankenkontrolle über andere Menschen mit anderen Wesen komunizieren. Ich empfand das als durchaus praktisch und würde diese Fähigkeit sehr gerne lernen.
      "Du weißt schon, dass ich stärker als all diese Leute zusammen bin, oder?", entgegnete ich dem schneeweißen Fuchsrüden mit den neun Schweifen.
      Dieser zuckte jedoch nur belustigt mit den Schweifspitzen: "Du wirst noch viel lernen müssen, meine Liebe. Mein Name lautet Inari. Sag nichts, ich weiß ganz genau, wer du bist."
      "Inari, der Fuchsgott? Also ich meine, der Reisgott, der sich in einen weißen Fuchs verwandeln kann?", rief ich verwundert. Damit hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet.
      "Nein. Und selbst wenn ich bejaht hätte, hättest du mir sowieso nicht geglaubt."
      Seine Stimme begann zu verblassen, nicht nur, weil es der letzte Satz war, den er über den Polizisten zu mir sprach. Sondern auch, weil ich noch zu schwach war, um lange genug aktiv zu sein. Denn wenn ich ehrlich war, hatte mich die Aufregung schon sehr mitgenommen ...


      Nicht einmal Satori erlaubte es sich, irgendein fieses Kommentar abzugeben. Als ich in Tränen aufgelöst auf den Tatami-Matten im Wohnzimmern kniete, schlug einer der wenigen Momente, an dem die ganze Okiya eine wahre Geiko-Familie war. In dem Hinterraum von Ishidas Praxis konnte man hinter einem Tuch einen fast zwei Meter breiten Ofen entdecken. Dieses Mini-Krematorium enthielt Knochenreste, worauf ich aber nicht weiter eingehen werde. Ich wollte gar nicht mehr über Ishidas schreckliche Machenschaften erfahren, jedenfalls reichten die Indizien, um ihn mindestens lebenslang hinter Gitter zu bringen. Ein Vulnona starrte hinter der Glastür zum Garten in mein Gesicht, als ich den Kopf über Yukisangos tröstende Schulter legte. Ein schneeweißes Vulnona...

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    • Kapitel IV - Fushimi


      Nach den schrecklichen Ereignissen eines katastrophalen Dienstags und eines noch viel furchtbareren Mittwochs hatte Yukisango beschlossen, mir eine Weile frei zu geben. Nicht nur, dass sie mir Gelegenheit gab, das Vergangene schnellstmöglich zu vergessen, kam mir sehr gelegen, sondern auch die Möglichkeit, mich bereits heute mit meinem Vater zu treffen.

      Mein Vater Hidenari war ein freundlicher Mann und der womöglich beste Vater, den man sich hätte vorstellen können. Ich stellte mir immer vor, dass er und Yukisango zusammenkommen würden, jedoch wüsste ich weder bei ihm noch bei ihr, wann und ob sie überhaupt bereit wären, noch einmal zu lieben. Letztendlich würde es zwangweise darauf hinauslaufen, dass Yukisango die Okiya verlassen müsste, sobald sie heiratete. Damals, als sie noch nicht die Leiterin war, wäre es ohne weiteres für sie möglich gewesen, die Okiya zu verlassen. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr, denn ihr damaliger Freund Masaru verstarb bei überraschend aufgrund eines Schlaganfalls, was für einen Mann Ende Dreißig sehr ungewöhnlich war. So kam es, dass Yukisango nicht auszog, sondern in der Okiya blieb. Würde sie nun planen, ihre Karriere zu beenden, müsste sie erstmals eine Nachfolgerin finden, die ihrer würdig war. Doch genau daran würde es scheitern, da bislang niemand reif genug war, um von der Atotori, also der Erbin der Okiya, zur Besitzerin aufzusteigen.
      Seit nun mehr dreizehn Jahren hatte mein Vater die mühevolle Aufgabe, sich um drei Kinder gleichzeitig zu kümmern. Damals war ich fünf Jahre alt, daher konnte ich mich nur teilweise an die Zeit mit meiner wundervollen Mutter Miu erinnern. Genauergesagt war diese Zeit die einzige meines Lebens, in der ich wirklich glücklich war. Sie war eine bildschöne, lebensfrohe Frau, die mit siebenunddreißig Jahren viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde. Während ich und meine drei Jahre jüngere Schwester Kyoko im Kindergarten beziehungsweise bei einer Tagesmutter untergebracht wurden, hatte die Mittelschule meiner älteren Geschwister Takanori und Kana schulfrei. Mein ältester Bruder Yasuhito war gerade mit seiner Oberschulklasse auf seiner Klassenfahrt nach Seoul. Meine Mutter wollte den beiden eine Freude machen, indem sie mit ihnen den großen Hirschpark im fast einen Katzensprung von hier entfernten Nara gefahren war. Leider war ein Geisterfahrer auf der selben Autobahn unterwegs und kollidierte auf dem Rückweg mit dem Wagen meiner Mutter. Für meinen Vater, Yasuhito und mich zerbrach eine bis dahin heile Welt, denn wir sahen Miu, Takanori und Kana nie wieder. Mein Vater war verzweifelt, dem Wahnsinn fast nahe. Er arbeitete als Pilot am Flughafen von Osaka und seine Arbeitszeiten waren mit drei Kindern, von denen zwei nicht mal im Schulalter waren, unvereinbar. So kam es, dass er seinen geliebten Job an den Nagel hing und als normaler Flughafenangestellter weiter arbeitete. Osaka war, gerade einmal fünfzig Kilometer von Kyoto entfernt, problemlos über Pendeln zu erreichen.
      Yasuhitos große Leidenschaft war das Fußballspielen, doch auch hier verschwor sich alles denkbare Pech dieser Welt gegen unsere Familie. Er war ein fabelhafter Fußballer, das stand immer außer Frage, doch er litt stets unter Problemen in seinen Knien. Mit dreiundzwanzig hatte er ein Angebot des Zweitligisten Kyoto Sanga vorliegen, genau der Mannschaft, die er schon als kleiner Junge von der Tribüne aus angefeuert hatte. Leider waren die Schmerzen in seinen Knien mittlerweile unerträglich geworden und selbst mehrmalige Operationen blieben erfolglos. Mein Bruder hatte von unserem Vater, genau wie ich, gelernt, niemals aufzugeben. Nur so konnte er seinen langehegten Traum, sein Hobby zum Beruf zu machen, sogar tatsächlich umsetzen - und das trotz Verletzung. Letztes Jahr, mit siebenundzwanzig, meldete sich ein aufstrebender Verein aus Takamatsu auf der südwestlich von hier liegenden Großinsel Shikoku, der Yasuhito als Assistenztrainer verpflichten wollte. Dieses Jahr würde Takamatsu endlich mit Kyoto in der Liga die Klingen kreuzen! Er kam an den spielfreien Wochenenden oft nach Hause und besuchte meinen Vater und Kyoko, die gerade ihr erstes Jahr auf der Oberschule absolvierte, doch als Co-Trainer von Takamatsu würde das sicher ein ganz besonderes Familienfest werden!

      Yukisango sagte mir, dass mein Vater am Fushimi-Inari-Schrein auf mich warten würde. Früher als Kind hatte es mir einen Riesenspaß bereitet, durch die tausenden orangeroten Torii, die in Reih und Glied stehenden Torbögen vor japanischen Schreinen, zu rennen. Dieser Schrein gehörte zu den wichtigsten und bekanntesten in ganz Japan und war dem Reisgott Inari gewidmet. Inaris wichtigster Begleiter waren die weißen Füchse, von denen Unzählige in der Nähe des Schreins aufgestellt waren. In den nächsten Tagen würden sicher eine Menge großartiger Dinge passieren! Denn nicht nur das Treffen heute mit meinem Vaterstand an, sondern auch die Diskussion über die Pokémon, welche genau dann eröffnet werden würde, wenn meine Oneesan Urara nach ihrem bösen Knochenbruch wieder zurück in die Okiya ziehen würde. Ganz im Gegensatz zu Satori war Urara eine unglaublich liebenswürdige und fleißige Person. Sie war die beste "große Schwester", die ich überhaupt als Mentorin hätte bekommen können, neben Yukisango selbst. In den vergangenen beiden Tagen hatte ich mehr denn je gemerkt, wie sehr sie mir fehlte, eine starke Schulter, die mich stützen würde. Schließlich nahm ich ihre Rolle auch in Bezug auf Fukumomo ein und musste ihr ein gutes Vorbild sein. Wie könnte sie nur zu einer fabelhaften Künstlerin heranreifen, wenn sie eine Oneesan hatte, die mehr weinte als lachte?
      Ich war hier lange nicht mehr gewesen. Ungefähr zehntausend der fuchsfarbenen Tore mit den schwarzen Füßen geleiteten mich einen Hügel hinauf zum Schreinkomplex. Einige Abschnitte durchrannte ich wie in meinen Grundschultagen, andere genoss ich in der Geschwindigkeit eines Flegmons. Der Schrein lag weit im Südosten Kyotos, im Stadtteil Fushimi. Alleine die Strecke vom ersten bis zum letzten Tor war mehrere Kilometer lang. Am Ende des Weges , der mittlerweile mit einer grauen Steintreppe verwachsen war, ragte die riesige Honden, also die Haupthalle des Großschreins hervor. Mit seinem majtestätisch geschwungenen, schwarzen Dach erinnerte die Halle fast schon an das Schloß eines mittelalterlichen Burgherren. Die übrigen Teile waren vor allem in einem leuchtenden zinnoberrot, weiß und dunkelgrün gehalten. Mit meinem azurblauen Trägerkleid konnte ich schlechter gar nicht getarnt sein. Fernab der Touristenmassen, die sich zu dieser Zeit in Grenzen hielten, gab es schließlich noch die Nebenschreine, an denen man eher seine Ruhe haben konnte. Jeder dieser von Zederbäumen umrandeten Minischreine, die ihrem großen Bruder weitesgehend ähnelten, besaßen mehrere Toro, traditionelle Steinlampen, die ihn in der Nacht erhellten. Mein Vater war noch nicht hier, da ich zu früh den Treffpunkt erreichte.
      Weder er, noch meine Mutter oder meine Geschwister, nein, niemand sonst besaß die Hörner und der Schweif, wie es bei mir der Fall war. Nicht mal im Ansatz. Im Naturwissenschaftsunterricht hatte ich von rezessiven Genen gehört, die im Phänotyp, also in der äußeren Erscheinung nur dann auftraten, wenn beide rezessiven Allele zusammen gepaart würden. So verschwanden Merkmale oft über Generationen, nur um in einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit irgendwann zufällig wieder aufzutauchen. Aber dies war nur eine Vermutung, vielleicht handelte es sich ja um etwas komplett Anderes.
      Jedoch merkte ich schnell, dass ich nicht alleine war, als ich Stimmen unmittelbar vor dem Nebenschrein hörte:
      "Es darf kein zweites 2003 geben. Niemals. Ich werde alles tun, um ein zweites Desaster zu verhindern. Das wäre absolut verheerend. Ich weiß, was zu tun ist. Schließlich konnten wir aus den Erfahrungen von den Vorfällen vor zehn Jahren lernen.", sprach ein von einer hellblauen Aura umhüllter Rucksacktourist - unmittelbar hinter ihm stand ein schneeweißes Vulnona, aber ich war mir nicht sicher, ob es das selbe war, das am vorigen Tag in unserem Garten saß. Klar, Vulnona waren schließlich dazu in der Lage, Menschen per Telepathie als Sprachrrohre zu benutzen! Sein Gesprächspartner war ein Kannushi, sozusagen der Priester des Schreins:
      "Die Situation wird doch jede Sekunde bedrohlicher! Was ist, wenn deine Bemühungen keine Früchte tragen werden? Ich habe lange genug in dieser Welt gelebt um zu wissen, dass du ohne ein Wunder scheitern wirst.
      "Ich werde nicht scheitern! Und wenn ich ein Wunder brauche, werde ich es irgendwie herbeiführen. Es ist mir egal, wie sehr ihr zweifelt. Solange es Hoffnung gibt - und die gibt es durchaus - werde ich alle Methoden, Tricks und Kniffe, die mir zur Verfügung stehen, auch ausnutzen."
      Ihr? Jetzt sah ich es. Hinter einer der Holzsäulen stand ein weiterer in Trance versetzter Tourist. Auch er sollte scheinbar als Sprachrohr fungieren. Ich erschrak, als ich einen gewaltigen Körper sah, der sich scheinbar hinter dem Schrein niedergelegt hatte. Der mächtige Löwenhund schien sich hinter dem roten Zaun zu erheben und betrat die Vorderseite des Plateaus. Neben Vulnona war auch Arkani ein Pokémon, von dem häufig in alten Sagen berichtet wurde. Zudem lebten beide in den Wiesen und Wäldern südlich von Kyoto, also genau dem Gebiet, was hinter dem Schrein in Richtung Nara lag. Der imposante orangene Körper mit dem interessanten, schwarzen Streifenmuster und den massigen Pfoten setzte sich neben den Priester und blickte auf den edlen Fuchs hinab. Vulnona schien nun den zweiten Touristen für Arkanis Beitrag zu steuern, um den Menschen an der Konversation teilhaben zu lassen.Aufgeregt peitschte ich mit meinem Schweif hin und her, wenn ich doch nur wüsste, worum es hier bloß ging!
      "Inari, du bist töricht. Glaubst du allen Ernstes, dass du in der Lage bist, ein Tier zu bändigen? Wir reden hier von Tausenden. Tausende von womöglich Unschuldigen, die durch deine unsägliche Arroganz aufs Spiel setzt. Glaubst du, dass es das Wert ist? Für eine maximal dreiprozentige Chance? Für eine Idee, die nichts als ein Hirngespinst ist? Eins werde ich dir sagen. Ich werde die Gefahr beseitigen. Wenn du der Auffassung bist, mich daran zu hindern, werde ich dich von mir aus auch auf den Mond schießen", brüllte der "Lautsprecher" des laut knurrenden Arkanis. Ich presste mich dich hinter den dicken Zedernstamm in der Hoffnung, nicht bemerkt zu werden.
      Nun war das Vulnona, das scheinbar nach dem angeblich in diesem Schrein hausenden Reisgott Inari benannt war, an der Reihe, Kontra zu geben: "Mein lieber Khan, wenn du das tun willst, kannst du es ja ruhig versuchen. Ich räume dir ebenfalls eine Chance von ungefähr drei Prozent ein. Maximal. Wenn du Pech hast, wirst du womöglich noch tödlich verletzt, aber das ist letztendlich deine Entscheidung. Nichts für Ungut, aber ich halte deine Vorgehensweise für noch viel gefährlicher. Das einzige, was du tust, ist, die ganze Entwicklung noch zu beschleunigen."
      "Wir haben den Punkt von 2003 überschritten, und zwar um ungefähr ein ganzes Jahr! Willst du es nicht wahrhaben? Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern eigentlich fünf nach!", schrie Khan, das Arkani in einem Gemisch aus Zorn und Sorge.
      Nun meldete sich der Kannushi, der im Streitgespräch bisher eher passiv geblieben war, noch einmal zu Wort: "Damals, vor hunderten von Jahren war es einfacher. Wir hätten Ho-Oh befragt, doch heute geht dies nicht mehr. Die Menschen hatten zu viel verbockt, als dass sie sich seiner Hilfe bedienen dürften."
      Khan verschwand in den den Schrein ummantelnden Wäldern, doch der neunschwänzige Fuchs hatte seine Ausführung noch nicht beendet: "Ja, das haben sie. Auch dies wird meine Aufgabe sein. Denn letztendlich liegt hier die Wurzel allen Übels vergraben. Khan hat dies nicht erkannt, deshalb wird sein Weg so oder so scheitern. Ich hoffe nur, dass er in seinem schon fast missionarisch geprägten Übereifer keine Dummheiten baut. Allerspätestens morgen beginnt sie dann, die bisher schwierigste Aufgabe meines Lebens ..." Der Priester nickte zunehmend und verließ das Plateau in Richtung Hauptschrein, während der Fuchs noch wenige Sekunden dort verharrte, bevor er ins gebüsch preschte. 2003, da war ich acht Jahre alt. Ich konnte mich an nichts besonderes erinnern, was dort vorgefallen sein sollte. Klar, es war zehn Jahre her, aber trotzdem. Solche Sachen blieben normalerweise für die Ewigkeit im Gedächtnis.
      "Touka! Touka, meine kleine Prinzessin! Fabelhaft siehst du aus! Warum hast du mich vorgestern nicht angerufen, als es dir so schlecht ging? Weißt du, wie erbärmlich ich mich gefühlt hatte, als mich Yukisango gestern Abend über die Geschehnisse aufklärte?"
      "Papa!"
      Mein Vater erdrückte mich fast und wollte mich am liebsten nie wieder loslassen, wie treusorgende Eltern nun eben mal sind. Er hatte eine sehr feine Art zu sprechen und legte auch großen Wert darauf, dass ich mein Sprachniveau nicht an das der Allgemeinheit anpasste. Er war schließlich immer noch ein Aristokrat, auch wenn unsere Familie nach dem Krieg ihre Besitztümer durch die Auflösung des Adels verloren hatte. Auch, wenn er mich vor Liebe fast erdrückte, war ich froh, von seiner Wärme umhüllt zu werden. Wärme, die ich nach den letzten beiden Tagen dringend nötig hatte. Zwei Tage, in denen ich ununterbrochen in einem kalten Regenschauer des Schicksals stand, der unerbitterlich auf mich niederprasselte und bis vor kurzem nie zu enden schien.

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      Schöne Kampfmusik. Ohne zu viel vorher spoilern zu wollen. ^^


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      Kapitel V - Souji


      Fernab der Touristenmasse hatten mein Vater und ich uns ein ruhiges Plätzchen gesucht, eine schlichte Holzbank. Obwohl es rein objektiv nicht mehr notwendig war, dass ich meinem Vater noch einmal genaustens die Erlebnisse aus meiner Sicht schilderte, so fühlte es sich für mich dennoch an wie eine Befreiung.
      "Wenn du nicht mehr kannst ... wenn du nicht mehr willst, ... dann kannst du immer wieder zurück zu uns kommen", gab mir mein Vater verständnisvoll zu verstehen.
      "Daran liegt es ja gar nicht. Mir macht es einen Riesenspaß, zu den Schulen zu gehen und alles zu lernen, was eine gute Geiko später beherrschen sollte. Aber diese unglaubliche Intensität der letzten beiden Tage hintereinander hat mich sehr mitgenommen. Ich hoffe sehr, dass es etwas ruhiger wird. Heute Abend kommt vielleicht schon Urara nach Hause und dann dürfen wir uns unsere eigenen Pokémon aussuchen!", entgegnete ich. Urara war neben Fukumomo die Dritte in unserem Schlafraum. Ich konnte es kaum erwarten, ... ja, was eigentlich? Sowohl Uraras Rückkehr als auch die Sache mit den Pokémon ließ mich einfach nicht mehr los.
      "Na los, beweg' dich, oder willst du den ganzen Tag hier sitzen? Ich bin doch nicht gekommen, um mit dir ein halbes Stündchen zu plaudern! Komm mit, ich habe eine Überraschung für dich!", rief er, als er energisch von der Bank aufsprang. Eine ... Überraschung? Heute würde endlich wieder ein schöner Tag sein, da war ich mir sicher!

      Es entsprach der Zerstreutheit meines Vaters, dass er sich mit mir im Süden der Stadt getroffen hat, um mich an einen Ort im Norden zu bringen. Oder es war einfach raffiniert geplant, denn ich wäre nie im Leben darauf gekommen, dass er mich an einen meiner liebsten Orte in der Stadt fuhr - den Zoo. Es mag vielleicht etwas kindisch anmuten, aber selbst als junge Frau bin ich immer noch so sehr für Pokémon zu begeistern wie im Grundschulalter, obwohl man diese dort nicht mal anfassen durfte, von den meisten mal abgesehen. Mann schaute sie nur an. Es schien fast schon grotesk, wie eine derart simple Handlung so viel Spaß machen konnte. Doch nur hier konnte man Pokémon wie Kangama, Knogga, Zebritz, Siberio, Pyroleo oder Pandagro beobachten, die in der Kansai-Region, oder umgangssprachlich auch Johto-Region, nicht in freier Wildbahn lebten.
      Zwischendrin lud mich mein Vater noch zu einem Eis ein und ich vergaß schon fast, wie schlecht es mir die Tage zuvor überhaupt ergangen war. Für einige Stunden war ich wieder das glücklichste Mädchen der Welt.

      "Du hast noch gar kein Geburtstagsgeschenk von mir erhalten, Touka", sprach mein Vater mit einem breiten Grinsen im Gesicht, als er seine Hände auf meine Schultern legte.
      "War dies nicht mein Geburtstagsgeschenk?", fragte ich ihn schon fast demütig. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wieso er ausgerechnet in diesem Moment, mitten im Zoo begonnen hat, davon zu reden. Er packte meine Hand und führte mich hastig zu einem kleinen Häuschen. Es hatte fast den Anschein, als könnte er es noch weniger erwarten als ich selbst.
      "Der Zoo erlebt momentan sehr viele Würfe von Pokémon. Er hat nicht genug Platz, um allen ausreichend Lebensraum zu bieten, von daher verkauft er einige an andere Zoos, behält andere als Privatpokémon und wiederum andere verschenkt er an Privatpersonen. Die Okiya hat sich heute ihre Pokémon besorgt. Wäre es dann nicht furchtbar, wenn ausgerechnet die Einzige wärst, die keinen neuen Freund erhält? Das hier ist übrigens Madame Yamamoto, die für abgabebereite Pokémon verantwortlich ist."
      Eine junge Dame mit mittellangem braunen Haar kam hinter einem Paravan hervor. Sie trug einen größeren, geflochtenen Weidenkorb in ihrer Hand, aus dem drei putzige Augenpaare herausschauten.
      "Seid gegrüßt, Herr Fujiwara. Hallo Touka. Diese drei Pokémon suchen ein neues Zuhause. Zu deinem Geburtstag darfst du dir eines dieser drei aussuchen", erklärte sie, als die den Korb auf den Boden stellte. Sie verbeugte sich tief vor meinem Vater und danach noch einmal ganz kurz bei mir.
      "Also dann, wähle eines aus. Das Pokémon zu deiner linken heißt Zigzachs. Es ist ein kleiner Tanuki, der vor allem in den Wäldern der Fukuoka- und Miyazaki-Präfektur lebt. Später erlangt es eine enorme Geschwindigkeit! Das mittlere Pokémon ist ein Haspiror, das mit seinen Ohren sogar artistische Kunststücke beherrscht! Das Letzte im Bunde ist ein Picochilla. Dieses flauschige Wesen liebt es, zu putzen", erläuterte Madame Yamamoto.
      Sie sahen allesamt knuffig, flauschig, putzig, süß ..., ach, ich hätte mich am liebsten für alle entschieden, aber leider ging das nicht. Geradaks waren eher athletische Pokémon, sie hätten eher keinen Spaß am Tanzen, also schied das Zigzachs relativ schnell aus. Die Pokémon waren nicht frisch geworfen, sie schienen schon etwas älter zu sein, vielleicht im Teenager-Alter. Ich entschied mich letztendlich spontan für das süßere Pokémon und hob es hoch. Der fluffige, graue Schweif mit der weißen Spitze wischte mit einmal quer durch mein Gesicht, während die vitalen, kaffeebraunen Augen mich anblickten. Meine Aufmerksamkeit wanderte kurz zu Zigzachs und Haspiror, die enttäuscht dreinschauten. Sie taten mir so leid und ich hätte am liebsten alle drei genommen, aber dies blieb mir leider verwehrt.
      "Mach dir keine Sorgen um die anderen beiden. Auch sie werden schon bald ein neues Zuhause finden", sprach die Zoowärterin, als sie Zigzachs und Haspiror aus dem Korb hob, damit sie sich noch einmal von Picochilla verabschieden konnten.

      "Du bist so fluffig. Du bist ja das fluffigste Pokémon, dass ich je gesehen habe, von den Voltilamm mal abgesehen. Ich heiße Touka. Hast du auch einen Namen?", fragte ich mein erstes Pokémon, dass ich auf meinem Schoß absicherte. Die Autofahrt schien es etwas nervös zu machen, obwohl wir nur zwei Kilometer durch die Stadt zurücklegen mussten: "ich weiß ja nicht einmal, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist. Ich nenne dich Fluffy, das passt schließlich zu beidem. Fluffiges, kleines Schätzchen!" Ich war in diesem Moment so unbeschreiblich glücklich! Beinahe erdrückte ich es vor Freude, da musste ich gehörig aufpassen.
      "Dein Picochilla ist ein Mädchen, genau wie das Haspiror. Das Zigzachs allerdings war ein Junge. Es würde gut zu Yasuhito passen, um ihn beim Aufwärmen und beim Auslaufen etwas mehr zu motivieren! Die Pokémon, die in Takamatsu leben, eignen sich nicht wirklich dafür, denn die Stadt ist vor allem für ihre Pottrott bekannt", lachte mein Vater, als er den Wagen anhielt, um auf der Hauptstraße direkt weiterfahren zu können.
      "Vielen Dank für diesen wundervollen Tag, Papa! Du bist der größte!", sagte ich, während ich ihn noch einmal umarmte. Ich merkte es, wenn jemand liebevoll meine Hörnchen auf dem Kopf streicheln wollte oder eine bösartige Absicht hatte. Ich setzte Fluffy auf den Boden ab, um mit ihr bis zur Okiya zu rennen. Das kleine, graue Chinchilla-Pokémon entschied sich aber dazu, lieber die Straße von Blüten und Laub zu befreien. Mir blieb keine andere Wahl, als loszurennen.
      "Du kannst auch bei der Okiya beginnen zu kehren! Jetzt komm, ich kann es kaum erwarten, anzukommen!", rief ich ihr zu. Erst schaute sie mie verwundert nach, bevor sie begann, mir nachzulaufen. Es schien fast so, als ob alle bereits vor die Okiya gewartet hätten. Es waren zwar nicht alle Geikos und Maikos da, aber dafür hatten sie alle Pokémon an ihrer Seite, wie mein Vater bereits wusste!
      "Urara-neesan, du bist wieder da! Ist bei dir alles in Ordnung?", fragte ich meine jüngere Mentorin, sie mich sanft an sich drückte. Sie konnte über meine eigentlich unsinnige Frage nur schmunzeln:
      "Natürlich. Glaubst du, die würden mich aus dem Krankenhaus entlassen, wenn ich noch nicht gesund wäre? Schließlich war ich auch noch in Reha gewesen und bin von daher bestens versorgt. Siehst du dieses kleine Pokémon daneben? Es ist ein Floette! Diese kleinen Blumenfeen leben in den Feldern von Südkalos, du weißt schon. Dieses Gebiet zwischen Paris und Lyon, in dem größere Städte seltener sind als im Norden oder Süden. Sie würde ihre Blume nie hergeben und kümmert sich liebevoll um sie, sodass sie nie verwelkt!", antwortete sie, bevor wir rüde unterbrochen wurden. Es wunderte mich eigentlich gar nicht, dass Satori mir aufgelauert hatte. Sie schien förmlich vor Spannung zu explodieren, war sie etwa so neugierig, was mein Pokémon anging?
      "Genug mit euren sülzigen Turteleien. So, Mouka. Zeig mir mal dein Pokémon. Was ist es denn? Tauros? Miltank? Chevrumm? Keins davon? Schade, ich glaube keines könnte dich besser repräsentieren als diese drei.", höhnte sie, aber ich konnte weit und breit kein Pokémon erkennen, was zu ihr gehörte. Fukumomo hielt das Kirschen-Pokémon Kikugi in den Händen und ein Yukisango schritt mit einem Snobilikat an der Seite auf uns zu.
      "Satori, es ist erst ein Tag vergangen und du wirst wieder frech zu Touka? Das ist nicht fair. Langsam gebe ich es auf, dass ihr beide euch je vertragen werdet ...", seufzte die Okaasan bedrückt, als sie sich neben uns positionierte. Ich sah, wie Satori ständig von einem Bein auf das andere wechselte, als würde sie uns alle mit ihrer wilden Nervosität anstecken wollen.
      "Akira! Komm runter! Wir fordern unsere allerbeste Lieblings-Freundin Touka zu einem Pokémon-Kampf heraus!" Was? Jetzt schon? War sie denn von allen guten Geistern verlassen? Ich habe Fluffy doch gerade erst bekommen, ich wollte nicht, dass sie direkt verletzt wird.
      Yukisango aber sprach mir Mut zu: "Sobald das ganze hier in unschöne Dimensionen ausartet, breche ich ab. Hab keine Angst, Pokémonkämpfe sind etwas ganz normales, selbst für kleine und zerbrechlich wirkende Wesen."
      Neben den anderen Geikos, die sich das Duell keineswegs entgehen lassen wollten, erschien nun endlich auch Satoris Pokémon. Eine dunkelgrüne, fast schwarze Katze mit einem langen roten Ohr und messerscharfen Krallen sollte also unser Gegner sein. Nichts geringeres als ein Sniebel galt es zu überwinden. Beim Anblick dieser Krallen wurde mir mulmig, doch Satori ließ das Gefühl in mir hochkochen, sie unbedingt besiegen zu müssen. Fluffy schien das Prinzip direkt verstanden zu haben und sprang vor mich, bereit, alles zu geben. Ich war so unglaublich gerührt von der Entschlossenheit in ihrem Blick, es mit dem mehr als doppelt so großen Konkurrenten aufzunehmen.
      "Aha. Touka hat sich also für ein Souji-Pokémon entschieden. Wenn ich mit dir fertig bin, kannst, darfst du mit deinem Wischmopp den Souji für morgen übernehmen, von den Toiletten bis zum Garten!", zischte sie, als ob mein Pokémon nicht mehr wert wäre als ein Staubsauger.
      Rote Augen.
      Aus einer der dichten Hecken starrten mich feurig leuchtende Augen an, die ganz eindeutig auf mich, und zwar ausschließlich mich gerichtet waren. Es lugte etwas weißes Fell aus dem Busch, aber ich hatte keine Zeit, mich damit jetzt zu befassen. Ich nahm die Karteikarte, die Madame Yamamoto mir mitgegeben hatte und schaute mir die Attacken an. Die einzige Angriffsattacke, die Fluffy zur Zeit beherrschte, was Pfund.
      "Also los! Fluffy, setz Pfund ein!", schrie ich, gewillt dieses Prestigeduell für mich zu entscheiden. Fluffy sprang in die Luft und drosch mit ihrem Schweif energisch auf das Sniebel-Männchen ein.
      "Akira, machen wir's schnell. Eisstrahl", fauchte Satori respektlos.
      Eisstrahl? Jetzt schon? Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
      Akira hingegen drehte verwirrt seinen Kopf zu seiner Meisterin um und ließ mich dadurch aufatmen. Ich befahl Fluffy, mit Pfund nachzusetzen, sodass wir uns einen guten Vorsprung erarbeiteten.
      "Hast du was an den Schlappohren, die Volltrottel? Welchen Teil von Eisstrahl hast du nicht verstanden?", schrie Satori, die die Straße keinesfalls als Verliererin verlassen wollte.
      Yukisango schüttelte nur fassungslos mit dem Kopf: "Satori, Sniebel lernt Eisstrahl nur per TM. Alle unsere Pokémon sind relativ jung und beherrschen nur einfache Attacken zu Beginn. Ich nenne dir als Beispiel Kratzer oder Finte."
      "Na gut, zeig' denen mal, was eine Finte ist!", knurrte die exzentrische Geiko. Sowohl Fluffy als auch ich verloren das schnelle Pokémon aus den Augen, um von hinten überrascht zu werden. Der Schlag, den Fluffy einstecken musste, tat fast schon mehr weh als die beiden, die sie ausgeteilt hatte. Geschockt starrte ich auf die Karteikarte. Alleine mit Pfund hätte Fluffy gegen diese Offensivbestie nicht den Hauch einer Chance, das musste ich mir eingestehen. Ich musste etwas anderes ausprobieren. "Spaßkanone - eine lustige Attacke, die andere Pokémon sowohl ruhiger als auch unaufmerksamer macht", war die Beschreibung der vierten und letzten Attacke.
      "Fluffy, benutze die Spaßkanone!", rief ich dem kleinen Chinchilla zu. Fluffy begriff sofort und sprang auf Akira, um ihn mit ihrem flauschigen Schweif zu bearbeiten. Genauer genommen kitzelte sie das Stichklauen-Pokémon, dass schon bald die Kontrolle über seinen Körper verlor.
      "Sag mal, findest du das auch noch lustig? Ich nicht! Setz' mit Finte nach!", schrie Yukisango. Ihr Sniebel richtete sich sofort wieder auf und landete den nächsten heimtückischen Treffer von hinten. Einmal musste ich die Spaßkanone noch durchbekommen, danach wollte ich die Sache mit einer letzten Pfund-Attacke beenden.
      "Spaßkanone!"
      "Ruckzuckhieb!"
      Yukisango grinste selbstgefällig, als das Sniebel zum Erstschlag ausholte und Fluffy auf den Boden schleuderte. Sie war bereits sichtlich angeschlagen und biss die Zähne zusammen.
      "Fluffy, wir können jederzeit aufgeben!", rief ich, doch meine Worte wurden nicht erhört. Fluffy sprang auf und kitzelte das Sniebel erneut, was Satori immens ärgerte.
      "Diese Attacke war absoluter Müll! Finte war wesentlich stärker. Beende dieses Trauerspielchen mit Finte, Akira!"
      "FLUFFY, PFUND!", kreischte ich, als ich mit aller Gewalt das Unheil abwenden wollte. Sniebel erschien wieder hinter meinem Picochilla, das in die Luft sprang und ringsum mit seinem Schweif zuschlug. Nach einer Drehung von 180° Grad erreichte der Schweif Akira und schleuderte ihn genau vor Satoris Füße. Das Sniebel lag benommen am Boden, unfähig weitere Befehle auszuführen - wir hatten unseren ersten Kampf gewonnen!

      Team Scowzy - Shitposting is my kink
    • So, dann will ich mal ein wenig was zu deiner FF sagen :)
      Der Prolog gefiel mir von der Form her nicht besonders gut, weil er einfach etwas schwer zu lesen war, von den Absätzen her. Das hat sich bei dir aber immens gebessert mit den weiteren Kapiteln.
      Was Form angeht, ist es nun also angenehm zu lesen. Deine Anführungszeichen sind zwar nicht die voll und ganz korrekten, weitere stören tut es aber nicht. Solltest du doch die „normalen“ Anführungszeichen nutzen wollen, tue das ruhig. Du weißt ja mit Sicherheit, wie das geht :D

      Zum Inhalt: Ich finde es toll, dass du Japan nutzt. Ich selbst sehe mich als großen Fan der Kultur, auch wenn mich die Geschichte eher interessiert. Der Prolog jedoch ist dazu mega klasse. Auch von der Story her bringst du ganz gute Elemente ein und behältst das nötige Feeling bei. Es ist nicht langweilig, könnte aber meiner Meinung nach ruhig etwas mehr Schwung gebrauchen (wobei es auch einfach an der Zeit liegen kann xD).
      Bis auf ein paar kleine Fehler, wo man erst überlegen muss, wie der Zusammenhang lautet, gibt es von mir nichts zu bemängeln und werde mit Sicherheit die nächsten Kapitel lesen. Man muss sich vor allen an den japanischen Begriffen gewöhnen, die du nutzt, aber das kommt mit der Zeit sicherlich noch :D
    • Vielen Dank, Cosi. ^^

      Naja, unter Schwung versteht jeder etwas anderes, ich insbesonderedie Hinführung auf das Hauptproblem der Story, worauf ich mit den Kapiteln 3 und 4 relativ schnell eingegangen bin, was bei Mischblut ja erst ab Kapitel 7 bis 11 ansatzweise begonnen hat. Diese Hauptprobleme stehen in der Regel in Verbindung zum Prolog und sollen meiner Meinung nach erst Stück für Stück enthüllt werden, schließlich schreibe ich ja keine 10-Part-Geschichte, sondern eine, die weit darüberhinausgeht und bis zum Ende spannende Elemente enthalten soll.
      Letztendlich haben wir in dieser Story genau 4 Tage erlebt. VIER. Da kann eben noch nicht wahnsinnig viel passieren (und dafür war es schon unglaublich viel). ^^ Ich nutze eben auch große Teile der Story, um mehr Hintergründe über Charaktere, Geschichte, Kultur, Landschaft, Städte etc. einzubauen, weil ich das sehr wichtig finde.
      Ich versuche immer, die japanischen Begriffe direkt zu erklären, aber da es für einige keine wirkliche sinnvolle Übersetzung gibt, muss ich das japanische Fremdwort eben über Dauer benutzen (Geiko/Geisha, Okaasan, Kimono, Tatami usw.). Letzteres ließt sich eben leichter als Reisstrohmatte. ^^

      Team Scowzy - Shitposting is my kink
    • So, jetzt habe ich zumindest mal die ersten beiden Kapitel und den Prolog gelesen, womit ich wenigstens ein bisschen kommentieren kann. ^.^
      Oah, diese Touka scheint ja echt ein gefährliches Mädchen zu sein. *:o Der Lehrer hat auf mich einen sehr sympathischen Eindruck gemacht, warum hat sie ihn nur verletzt? :( Hm, Touka scheint ihre mystischen Pokémon-Kräfte zwar nicht wirklich kontrollieren zu können, aber trotzdem! Der arme Leher! Uh, dann freue ich mich auch noch darauf zu erfahren, was Touka wohl für ein Pokémon bekommen wird... Irgendwie würde ein Traunfugil gut zu ihr passen, das hat so etwas mystisches in sich... :ka:
      Die Geschichte hört sich ziemlich gut an und dieser leichte Manga/Anime-Touch gefällt mir auch richtig gut. Ich stelle mir komischerweise alles so vor, als wäre es ein Anime. o.o


      Hoc est enim corpus meum. Hermione saltica, regina festorum, saltatrix summa, mimema inclyta, malefica fabulosa, arbitratrix Vesperae Omnis Sanctae.
    • Dem Lehrer ist zum Glück nichts schlimmes passiert, so viel mal vorneweg. Er wird auf jeden Fall noch in den noch nicht geschriebenen Kapiteln auftauchen. ^^
      Touka ist in diesem Moment nicht sie selbst, sondern Tokunara. Touka weiß nichts von dieser und hat dementsprechend auch keine Erinnerungen. ^^"
      Tokunara ist sehr, sehr reizbar und launisch, unvorhersehbar und ganz schlecht einzuschätzen. Beachte die Zeilensprünge. Sind Abschnitte mehr als eine Zeile von einander getrennt, erfolgt ein Bewusstseinswechsel. Nur zum Verständnis. :o

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Raikachu! :D

      Team Scowzy - Shitposting is my kink
    • Kapitel VI: Kitsune


      *In Japan winkt man anders als in Europa jemanden her, denn da wird die Hand umgedreht. Die Finger zeigen dabei zwar auch zum Sprecher, jedoch ist der Handteller unten statt oben. Bei Hypno konnte man das im Pokémon-Animé gut erkennen (Oh je, Hypno @.@).
      Um 01:45 einfach mal ein Kapitel schreiben und Dr. House schauen ist doch auch was schönes. Und jetzt viel Spaß. ^^


      "Was? Wie kann das sein? Akira, wir sind hier noch lange nicht fertig! Steh auf, sofort!", schrie Satori hysterisch, als ob sie der Meinung war, das Sniebel würde seine Ohnmacht nur vortäuschen.
      "Satori, genug. Bring dein Pokémon zu Nao, unserem Ohrdoch. Akira ist bewusstlos und braucht jetzt kein wildes Herumgekreische, sondern einfach nur Ruhe", sprach Yukisango, die mir anerkennend zunickte: "Glückwunsch, Touka. Du hast deinen ersten Pokémonkampf gewonnen." Während sie zusammen mit den anderen Geikos und Maikos, die bis auf Urara und Fukumomo eher skeptisch dreinschauten, zurück in die Okiya schlenderten, beugte ich mich zu Fluffy herunter, um sie zu loben.
      "Das war spitze, Fluffy!", sagte ich, als ich mein kleines Picochilla auf den Arm nahm. Ich sah Satori hinterher, die wutentbrannt als Letzte durch die Haupttür schritt. Sie hasste Niederlagen generell, aber von mir geschlagen zu werden wurmte sie sicher ganz besonders. In diesem Zustand war sie ungenießbarer als der giftigste Pilz auf Erden, vielleicht sogar giftiger als Sleimok.
      Plötzlich hörte ich ein lautes Rascheln aus dem großen Busch vor dem Geishahaus. Das musste dieses Wesen sein, dass mich während des ganzen Kampfes beobachtet hatte!
      "Vulnona ...", flüsterte ich leise. Es war das selbe schneeweiße Vulnona, was sich damals in unserem Garten aufgehalten hatte. Mit seinem mittleren Schweif winkte mich der elegante Fuchs heran.
      "Keine Angst, komm einfach."
      Hatte er gerade gesprochen? Nein, unmöglich, denn sein Maul bewegte sich kein Stück. Lediglich die hellroten Augen starrten mich unaufhörlich an, während sich die polarblauen Schweifenden nach innen kräuselten und somit eine Winkbewegung imitierten*. Das Vulnona war ebenfalls identisch mit demjenigen am Fushimi-Schrein, allerdings besaß es eine andere Stimme - denn niemand war weit und breit in der Nähe, den es hätte kontrollieren können.
      "Vulnona, du ... ich dachte, du kannst nur über andere Menschen mit ...", stotterte ich überrascht, doch ich konnte meine Frage nicht zu Ende formulieren.
      Vulnona bewegte sein Maul wieder keinen einzigen Millimeter, doch die Augen glühten intensiver wie je zuvor: "Ich spreche nicht wirklich, ich benutze Telepathie. Es ist für mich wesentlich energiezehrender, sprachliche Information direkt in die stetig arbeitende Gedankenwelt des Empfängers einzuspeisen und gegebenenfalls sogar ein menschliches Trugbild zu erschaffen, als jemanden lediglich in Trance zu versetzen und Information in sein schlafendes Gehirn einzuschleusen, die dann über einen Umweg den Empfänger erreicht. Wenn niemand als potentielles Medium in der Nähe ist oder ich zu viel ungewollte Aufmerksamkeit erregen würde, muss ich wie hier die wesentlich anstrengendere Methode benutzen." Fluffy versank mit dem Kopf in meinen Armen, da ihr unser Gegenüber ganz und gar nicht geheuer war. Vulnona war schließlich immer noch ein Raubtierpokémon.
      "Hab' keine Angst, ich möchte dir nichts Böses tun. Mein Name ist Inari. Zufälligerweise ist er identisch mit dem des Reisgottes. Naja, es ist eben ein beliebter Name für männliche Vulnona. Um mich kurz zu fassen, ich bin ab heute dein Patron. Naja, eigentlich schon seit Anfang dieser Woche, aber erst jetzt kam ich dazu, mich offiziell vorzustellen.", klärte mich der Kitsune, der neunschwänzige Fuchs auf. Wie meinte er das? Ich hatte noch nie davon gehört, dass Menschen ein Pokémon als Patron hatten. Ich zitterte etwas, da ich in jenem Moment wirklich nicht wusste, was mir geschah.
      "Du bist ein ... ein Patron? Aber ... was bedeutet das? Wieso schützt du mich?", fragte ich leicht verängstigt.
      Ich fragte mich wirklich, was die Ursache des ganzen war und vor wem Inari mich angeblich schützen wollte, doch er rückte mit der Sprache nicht so recht raus: "Ich schütze dich vor allem möglichen. Vor anderen Leuten, vor angriffslustigen Pokémon, sogar vor dir selbst! Sagen wir so, es ist für mich eine Aufgabe, eine Arbeit, so wie deine Arbeit die Lehre an der Okiya ist, um später vor anderen Menschen aufzutreten."
      "Wirst du auch mit mir kämpfen? Wirst du genauso mein Pokémon sein, wie mein Picochilla?", fragte ich nach. Fluffy linste gelegentlich in Richtung des Fuchses, der immer noch zum Großteil in dem Busch versteckt war. Wenn jemand just in jenem Moment die Straße spazieren würde, würde er mich doch sicher für verrückt halten, wenn er mich mit einem Busch sprechen sah. Niemand würde auf die Idee kommen, dass mitten in der Stadt ein auffälliges Pokémon wie Vulnona umherstreift. Auch wenn es sehr schöne und intelligente Pokémon waren, die die menschliche Sprache ohne jegliche Einschränkung verstanden, so bereitete doch gerade eben dieser zweite Punkt vielen Menschen Sorgen. Intelligenz erschien vielen als gruselig, da sie ein Denken ermöglichte, dass man nicht einfach nachahmen konnte. Es gab viele Legenden, die ein positives Bild von Vulnona zeichneten, doch mindestens genauso viele, die es aufgrund seiner fast schon mythischen Fähigkeiten dämonisierten.
      "Ich werde immer für dich kämpfen, wenn es notwendig ist. Allerdings werde ich nicht in eurem Haus wohnen. Erstens ist sicher kaum noch Platz für mich und zweitens wäre es fatal, wenn dieses schöne Holzgebäude meinem Ungeschick zum Opfer fallen würde. Feuerpokémon und Holzhäuser zusammen sind nun mal leider nur die zweitbeste Lösung", entgegnete Inari, dessen sanfte Stimme ganz im Gegensatz zu den scharfen Augen standen, deren Glühen jedoch von Minute zu Minute freundlicher für mich schien.
      "Bist du Leuchte schon einmal auf die glorreiche Idee gekommen, dass der Idiot dich überwachen möchte, am liebsten den ganzen Tag? Ich würde mir das nicht gefallen lassen, Mädchen", fauchte eine weibliche Stimme hinter mir. Als ich mich umdrehte, erblickte ich ein gewöhnliches Vulnona, dass sich im Gegensatz zu Inari nicht wirklich bemühte, sich vor den Blicken der Menschen verborgen zu halten. Sie war hübsch, doch sie schaute eher ernst und genervt, als sie die schmale Straße überquerte. Die Vulnonadame trug ein gewöhnliches, beiges, Fellkleid mit seinen rötlichen Schwanzspitzen, die die letzten Reste der gefallenen Kirschblüten aufwirbelten. Die Kirschblütenphase war stets sehr kurz, normalerweise begann sie in Kyoto Ende März und endete nur kurze Zeit später, nach dem ersten Aprildrittel.
      "Du spielst dich hier ganz schön auf, dafür, dass ich dich noch nie hier gesehen habe. Möchtest du dich nicht vorstellen, ungebetene Gästin?", schnaubte Inari verärgert. Auf der einen Seite hatte die fremde Füchsin gar nicht mal Unrecht. Aber wieso sollte mich ausgerechnet ein Pokémon ständig überwachen? Es entschloss sich für mich einfach nicht der Sinn des Ganzen.
      Plötzlich zappelte Fluffy, wie verrückt, riss sich aus meinen sicheren Armen und sprintete zur Okiya.
      "Fluffy! Was ist denn los mit dir?", rief ich ohne Erfolg, denn geschwind hatte sich der Chinchilla durch die angelehnte Tür gequetscht.
      "Darf ich jetzt auch mal was sagen? Danke. Mein Name ist Ran und es freut mich, dich kennen zu lernen, junge Dame. Das dort hinten ist offenbar ein Dummschwätzer, deswegen freue ich mich nicht, ihn kennenzulernen", knurrte Ran verächtlich, während ihre neun Schweife hin und her peitschten. Auch mein Schweif bewegte sich, allerdings eher aus Nervosität. Ich konnte jetzt verstehen, wieso Fluffy Reißaus genommen hat. In der beginnenden Abenddämmerung war es in der Tat unheimlich, zwischen zwei starken Feuerpokémon eingekesselt zu sein.
      "Ich fühle mich gerade etwas unwohl. Ihr seid also beide wegen des gleichen Zwecks erschienen? Um mich zu beschützen und mit mir gemeinsam zu kämpfen?", fragte ich verunsichert, während ich nervös mit den Füßen in der Erde scharrte. Die beiden Vulnona sprachen in diesem Dialog tatsächlich und ließen mich per Telepathie an der Konversation teilhaben.
      Ran war gelang es, schneller eine Antwort zu geben: "ER möchte dich beschützen ... wenn man das so nennen kann, ich werde dich hingegen lehren und dazu zu bringen, dich später selbst zu beschützen. Schau doch mal, wie seltsam du stehst; völlig verunsichert, überhaupt kein Sel-..."
      "STOPP! Wenn du gekommen bist, um sie zu beleidigen, kannst du direkt wieder verschwinden", knurrte Inari, der aus seiner spontanen Verachtung gegenüber Ran überhaupt keinen Hehl machte.
      "Oh, es tut mir leid, wenn ich sie mit meinen harschen Worten ins Tal der Tränen und Depressionen gestürzt habe! Kannst du versnobter Schwachkopf überhaupt das Depressions-Kanji im Sand nachmalen? Ich kann es", keifte die Füchsin den Rüden an, bevor sie sich wieder mir zuwandte: "Sollte ich dich gekränkt haben, tut es mir aufrichtig leid. Ich wollte dir lediglich aufzeigen, dass noch eine Menge Arbeit auf dich zukommt. Naja, nicht nur auf dich, sondern auf mich eben auch." Das Schriftzeichen für die Depression war mit neunundzwanzig Strichen das jenige, dass die höchste Anzahl von diesen benötigte und auch im Alltag genutzt wurde. Von diesen Jouyou-Kanji gab es nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 Stück, früher waren es jedoch viel mehr. Ran hatte in gewisser Weise Recht, ich war viel zu schnell niedergeschlagen, sobald mich ein negatives Erlebnis einholte und konnte wirklich jemanden gebrauchen, der mich psychisch stärker werden lässt.
      "Ihr beide sollt mir helfen. Entweder ihr vertragt euch oder ihr kommt euch einfach nicht in die Quere. Inari, Ran, das lässt sich doch einrichten, oder?", beschloss ich und fragte die beiden Vulnona, die sich giftige Blicke zuwarfen.

      "Touka! Wo bleibst du? Wir hatten abgemacht, dass das Abendessen gemeinsam stattfindet! Einige Geikos müssen gleich schon aus dem Haus", rief Yukisango. Ich konnte einen leichten Hauch von Ärger in ihrer Stimme ausmachen und befand es für die beste Idee, sofort zurückzukehren.
      "So sei es. Bis bald, ja mata", verabschiedete sich Inari, der durchs Gebüsch sprang, während Ran wortlos am Straßenrand zurückblieb. Ich sprintete in durch den Genkan, rannte in den Waschraum des Erdgeschosses, um meine Finger zu säubern und setzte mich zu den anderen an den Tisch. Die Schiebetür zum Wohn- und Altarraum war geöffnet, sodass ich Uraras Floette, Yukisangos Snobilikat, ein Ohrdoch und mein Picochilla erspähen konnte, die in diesem Raum mehr Platz zum essen hatten.
      "Ach. Sind wir jetzt etwa so von uns überzeugt, dass wir es nicht für nötig befinden, Termine einzuhalten? Du bist sowas von unprofessionell", ätzte Satori, die vor Frust aufgrund des verlorenen Kampfes fast überschäumte. Das sagte natürlich genau die Richtige, war sie es doch, die der Meinung war, alle aufgrund ihres Talents warten zu lassen.
      "Ich habe gehört, dass Touka schlimme Sachen in den letzten Tagen erlebt hat. Traurig, dass du das scheinbar nicht mehr im Hinterkopf hast. Vielleicht solltest du ihr einmal dieses Erfolgserlebnis gönnen. Seitdem ich weg war, hat sich scheinbar nichts verändert", sprach Urara mit ernster Miene. Sie schaffte es, wenigstens während der Essenszeit Satoris bissige Kommentare abzustellen, sodass wir unser Mahl genießen konnte. Yukisango war sichtlich erleichtert, dass sie nicht mehr die Einzige war, die die aufsässige Satori zurechtweisen musste, denn außer Urara und ihr tat es sonst niemand. Manchmal fragte ich mich, wieso sie diese nicht einfach rauswarf, doch ich glaubte, das wäre moralisch einfach nicht gerechtfertigt.
      Da Urara erst wieder üben musste, bevor sie von Yukisango für Aufträge freigeschaltet wurde, hatte sie diesen Abend frei und begleitete Fukumomo und mich in unser gemeinsames Dreierzimmer, welches keines mehr. Neben Fluffy schliefen hier nun auch Sakura, das Kikugi sowie Alice, das Floette. Es fühlte sich für mich so an, als hätte ich heute Geburtstag gehabt, nicht vier Tage zuvor am Sonntag. Erst vergnügten wir uns mit verschiedenen Brett- und Videospielen, bevor dann den Tag ausklingen ließen, indem wir mit unseren Pokémon spielten und sie knuddelten. Um Mitternacht mussten die Lichter zumindest in unserem Zimmer erloschen sein, da Fukumomo am folgenden Tag zum Unterricht musste.

      "Gewiss, Herr Kanda. Ich werde Touka ruf-... oh, da bist du ja! Herr Kanda wurde aus dem Krankenhaus entlassen, siehst du? Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen", sagte Yukisango, die mich in den Eingangsbereich winkte.
      Mit Fluffy auf der Schulter schritt ich verlegen zu meinem Kalligraphiemeister und verbeugte mich tief, während Yukisango sich gen Esszimmer verabschiedete: "Es tut mir leid, bitte vergebt mir, was immer ich auch getan hatte! Ich wünschte, ich könnte mich erinnern, aber es gelingt mir nicht."
      "Das ist schon okay. Dann wird mich in Zukunft eben auch ein Pokémon zum Unterricht begleiten. Ich müsste dir eigentlich danken, dass du mich auf diese Idee gebracht hast. Nun ja, du warst nicht du selbst. Belassen wir es. Eigentlich bin ich ja gekommen, um mich nach dir aufgrund des Vorfalls am Mittwoch zu erkundigen, aber wie es scheint, geht es dir besser. Da bin ich ja beruhigt. Wir sehen uns übrigens Montag wieder, wie gewohnt", sprach Meister Mitsunari sanft, doch dann drehte er seinen Kopf nach hinten und zeigte zur teakfarbenen Holztür: "Gehört dieses Vulnona dort auch zu euch?"
      "Guten Morgen, Touka, schwing' die Hufe und folge mir, WIR haben jetzt Unterricht. Wir wollen doch nicht, dass dieser Inari mir zuvorkommt. Zumindest möchte ich das nicht."
      "Hallo, ... Ran."

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    • Ich musste teilweise echt schmunzeln :D Es wirkte so ein wenig wie ein Bit*hfight, als Inari (war doch so?) hinzukam und direkt mit Giftpfeilen geschossen hat :D Das Gedankenspiel, wie diese Szene also abgelaufen sein könnte, macht echt Spaß! Auch inhaltlich kann ich dir recht gut folgen, wobei es mir halt nur langsam leichtfällt, die ganzen Namen auseinander zu halten bzw. auch korrekt zuzuordnen. Aber das gibt sich schon noch.
      Bis auf ein paar Tippfehler und der immer anfangs eintretende Wll-Of-Text-Schock gibt es von mir nichts auszusetzen. Ich hoffe du bleibst am Ball und bringst weiterhin die Kultur mit ein, da man doch nebenher einiges über Japan und der Sprache von dir lernt!
    • Vielen Dank, dass du die Geschichte weiter fleißig verfolgst und kommentierst! :)
      Ich werde in den allerersten Post eine Charakterliste einbauen und stetig bearbeiten. Es sind ja letztendlich doch zu viele, wenn man die Pokémon mit dazurechnet. Kapitel 7 ist schon komplett geplant, aber wegen dem Kooperationswettbewerb hab ich noch nichts geschrieben, außerdem wartet das RPG auch noch. Eine aus den Spielen/dem Animé bekannte Person wird dort aber teilnehmen, so viel verrate ich schon mal.
      Ran war diejenige, die hinzugekommen ist, Inari (das Männchen, Shiny), war schon vorher da. Für die spätere Handlung werden allerdings beide sehr, sehr wichtig sein. ^^

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    • Kapitel VII: Akumu


      Ich lief schnell die Treppe hinauf in mein Zimmer, griff mein Portemonnaie und rief Fluffy in ihren Pokéball zurück, den Yukisango am vorherigen Abend besorgt hatte. Hastig verabschiedete ich mich von allen, die mir über den Weg liefen, um Ran zu folgen.
      "Sag, Ran, was hast du mit mir vor?", fragte ich neugierig.
      "Wir machen einen kleinen Ausflug. Was genau ich damit meine, wirst du früh genug sehen", entgegnete die neunschwänzige Füchsin, während sie mich zur nächsten Bushaltestelle führte. Ich hatte keinen Pokéball für das Vulnona dabei, aber normalerweise war es in Ordnung, wenn Pokémon mitfahren, die nicht mehr als einen Platz benötigen. Ran winkte mich in einen Bus, der sogar bis nach Osaka fuhr. Die drittgrößte Stadt Japans war, im Gegensatz zum traditionellen Kyoto, schon immer eine moderne Wirtschaftsmetropole gewesen, die schon immer versucht hatte, sich in dieser Hinsicht mit Tokyo zu duellieren. Osaka lag knapp fünfzig Kilometer südwestlich von Kyoto an der Meeresküste der Inlandsee. Auf dem Weg dorthin lag unter anderem auch das 80.000 Einwohner große Nagaokakyo, das im achten Jahrhundert sogar für zehn Jahre Hauptstadt Japans war.

      Wir waren gar nicht lange unterwegs, als Ran mit dem mittleren ihrer Schweife kraftvoll gegen den Stopp-Knopf peitschte. So konnte man sich täuschen. Es war gar nicht ihr Plan, Kyoto zu verlassen, stattdessen fand ich mich im Südwesten der Stadt vor einem ganz besonderen Gebäude wieder. Mit seinem braunen, fast schon futuristisch anmutenden Dach, den violetten Querstreifen und den dicken Kupferstangen in der Vertikale fügte sich die Pokémon-Arena Kyotos kein bisschen in das historische Stadtbild ein. Da der Versuch, Pokémonkämpfe in einem fast komplett hölzernen Gebäude abzuhalten, damals scheiterte, entstand auf dem Fundament des damals durch Brand schwer beschädigten Gebäudes.
      "Das ist die Arena. Wieso in aller Welt bringst du mich zu diesem Ort? Geht es etwa um Jens?", wollte ich von Ran wissen. Die Füchsin blickte gar nicht erst zurück zu mir, sondern bewegte sich schnurstracks auf das Gebäude zu.
      "Die Antwort wirst du hier drinnen finden. Jetzt steh' da nicht herum wie ein verwurzeltes Myrapla! Du wirst mir später noch dankbar sein", gab sie mir zu verstehen. Fast jede Region in Japan besaß eine eigene Pokémonliga, wobei im Fall von Kansai und Kanto sich beide eine einzige Liga teilten. Nichtsdestotrotz musste jeder Verband acht Städte auswählen, die eine eigene Arena beheimateten. Deren acht Leiter waren dafür verantwortlich, ein Team zusammenzustellen, welches die Trainerfertigkeiten der vielen Herausforderer testen sollte. Meine Heimatstadt zählte mit dem restlichen Kansai-Gebiet, der Ostküste Shikokus und dem Westen Zentraljapans zur Großregion Johto, das unmittelbar an Groß-Kanto grenzte. Einer dieser acht Arenaleiter hieß Jens, der sich in der alten Hauptstadt niedergelassen hatte - "Jens, der mystische Seher der Zukunft". Als Geist-Pokémon-Trainer war Jens Mortensen, wie sein voller Name lautete, wahrscheinlich derjenige, der am ehesten dazu in der Lage war, mit Toten und Geistern zu kommunizieren und eventuell sogar Visionen zu empfangen. Auch wenn nur sein Großvater mütterlicherseits aus Japan stammte, kannte sich kaum ein anderer so gut in der hiesigen Sagen- und Mythenwelt aus wie er. Neben Japanisch, Französisch und Englisch sprach Jens übrigens auch fließend Dänisch und Deutsch, das er durch seinen skandinavischen Vater beziehungsweise seine aus einer Lübecker Kaufmannsfamilie stammende Großmutter gelernt hatte.
      Vor den Toren der Arena schnürte sich mein Magen zusammen, doch ich brachte es genauso wenig fertig, einfach umzukehren. Ran funkelte mich mittlerweile verärgert an, da selbst ein Schneckmag wohl schneller die kurze Strecke absolviert hätte als ich.
      "Weiß Jens denn, dass ich komme? Ich meine ... ich habe ja viel über ihn gehört, aber ich habe ihn noch nie getroffen! Wie soll er mir denn helfen?", hakte ich unsicher bei der Füchsin nach, die nur noch genervt mit den Ohren zuckte.
      "Nein, aber das ist nicht weiter tragisch, da das eine praktische Übung ist. Ich halte nicht viel von psychologischem Geschwafel anderer Leute", schnaubte sie.

      Ich atmete einmal tief ein und dann wieder aus. Ich fühlte mich bei der ganzen Sache gehörig unwohl, aber andererseits, wann tat ich das nicht? Wie von Geisterhand öffnete sich die schwere Tür von selbst, sodass sich das Innere der Arena offenbarte, aber doch alles verborgen blieb. Ein dunkles, offen klaffendes Maul erweckte den Eindruck, dass es mich jederzeit verschlingen könnte. Lediglich etwa 1,20 Meter große Fackeln erhellten einen Weg, der im großen und ganzen von der Finsternis bedeckt war.
      "Folge mir, diese Möchtegern-Herausforderung interessiert nun wirklich gar keinen", sagte Ran, die einige Flammen in ihrem Maul bündelte. Dadurch konnte sie genug sehen, um mich sicher zum Holzplateau zu leiten, auf dem Jens seine Herausforderer empfing. Während sein schwarzer Pullover und die weiße Jeanshose unifarben und schlicht waren, stellten sein locker um den Hals gebundenen Schal, das Stirnband und die Sneaker in ihrer Extravaganz das komplette Gegenteil dar. Neben weinrot und schwarz stach vor allem ein helles Violett als seine Hauptfarbe heraus, das nicht nur die Farbe seines Signaturpokémons, sondern auch die der Stadt Kyoto war. Als Symbol des kaiserlichen Hofes spielte Lila immer noch eine wichtige Rolle im Stadtbild, denn selbst die Sportvereine orientieren sich daran.
      Mit seinen blonden Haaren und den violetten Augen machte Jens für einen Durchschnittsjapaner einen exotischen Eindruck, doch für Leute, die außerhalb von Kyoto groß wurden, waren Geikos und Maikos wie ich nicht minder ungewöhnlich und fremd.
      "Sei gegrüßt, Herausforderin. Es kann eigentlich nur einen Grund geben, weshalb du die Arena zu Kyoto aufgesucht hast. Du möchtest mir beweisen, dass du meine treuen Geist-Pokémon übertreffen kannst, richtig?", begrüßte mich der schlanke, etwa dreißig Jahre alte Mann, der mich konzentriert musterte. Aber ich war doch gar nicht bereit! Wie in aller Welt sollte ich gegen ihn einen Arenakampf austragen? Nicht nur, dass Fluffy momentan lediglich mit Attacken des Typs Normal angreifen konnte, sondern auch, dass Jens stets mit mindestens drei Pokémon kämpfen würde, machte es mir unmöglich, ihn herauszufordern.
      "Ja, korrekt. Lass uns das am besten schnell über die Bühne bringen, bevor die Kleine noch einen Nervenzusammenbruch erleidet", bestätigte Ran, bevor ich überhaupt irgendetwas dazu sagen konnte.
      Mein Herz bebte und mein Mund war staubtrocken, als sich das Vulnona zu mir umdrehte und diesmal Jens aus der telepathischen Konversation ausschloss: "So. Du wirst mit mir kämpfen. Das sollte ausreichen. Wieso hast du überhaupt dein Nagetier mitgenommen? Es wird dir in diesem Kampf sowieso nicht behilflich sein. Schick es doch kurz weg, mir etwas zu Trinken zu kaufen, dann kann es wenigstens nützlich sein. Ach nein ... Jens erleuchtet die Arena ja erst, sobald der Orden errungen wurde. Naja, Pech für mich."
      Jens zeigte auf den Platz, an dem ich während des Kampfes stehen sollte. Worauf hatte ich mich da bloß eingelassen? Ich wollte das doch gar nicht! Zusammen mit der Miltank-Meisterin aus Osaka und der Drachenbändigerin von Shirakawa in Zentraljapan galt der Geisterexperte als einer der gefährlichsten Leiter der Johto-Region. Gerade seine Pokémon verfügten über einen Movepool, der selbst dem größten Horror-Fan das Fürchten lehren konnte.
      "Sjael, du wirst beginnen!", rief Jens, der sein Nebulak als erste Pokémon in den Ring schickte. Als einziges Geister-Pokémon besaß Nebulak eine perfekt runde Körperform, die den japanischen Vorstellungen einer Seele entsprach. Allerdings hatte ich keine Ahnung, welche Attacken Ran beherrschte. Vulpix und Vulnona waren in der Lage, Glut, Ruckzuckhieb, Begrenzer oder Heuler zu erlernen, doch diese Angriffe waren entweder zu schwach oder schlicht und ergreifend in diesem Fall wirkungs- beziehungsweise nutzlos.
      "Wie wärs denn mit Flammenwurf? Mal als Vorschlag. Darauf hättest du ruhig selbst kommen können, denn für Glut bin ich schon lange zu stark, Fräulein.", schnaubte Ran verächtlich, während sie mit den hellbeigen Pfoten scharrte.
      Flammenwurf hörte sich gut an, weshalb ich die Idee direkt in die Tat umsetzte: "Flammenwurf, los!" Ran feuerte einen glühend heißer Feuerschwall ab, der das Nebulak des Arenaleiters direkt in die Bewusstlosigkeit beförderte. Ein einziger Angriff hatte das Pokémon sofort besiegt!
      "Nicht schlecht. Das Vulnona hat Kraft. Aber reicht es auch gegen dich? Beantworte diese Frage, Forban!", rief Jens, der als zweites sein Alpollo in den Kampf schickte. Mit Händen ausgestattet, war die entwickelte Form des Nebulak bei weitem gefährlicher.
      "Ran, benutze erneut Flammenwurf!", schrie ich, im Glauben, der Kampf würde so problemlos weitergehen, wie er begonnen hatte.
      "Halt, Stopp. Der Flammenwurf wird nicht ausreichen, zumindest nicht direkt. Der Spitzname des Alpollos ist nicht umsonst eine Abkürzung des dänischen Worts für "Fluch". Erspare mir also bitte unnötige Nebeneffekte und wähle Sondersensor", reagierte die neunschwänzige Kitsune genervt. Woher hätte ich denn wissen sollen, welche Angriffe sie bereits beherrschte? Aber klar, die Psycho-Attacke würde verhindern, dass Alpollo zu Fluch griff. Kaum hatte ich den Befehl "Sondersensor" ausgesprochen, kehrte das benommene Alpollo schon wieder in seinen Pokéball zurück. Es sah sehr elegant, aber doch zugleich bedrohlich aus, als Rans Fell golden zu leuchten begann, bevor der Angriff ausgeführt wurde.

      "Akumu. Es wird Zeit, dass wir einen Kampf auf Augenhöhe erleben", sprach Jens, der einige Sekunden seinen dritten und letzten Pokéball betrachtete. Allein der Name verhieß nichts Gutes. Nun lag es an dem Signatur-Pokémon des Leiters, zu beweisen, dass es zurecht "Albtraum" hieß.
      "Wir nehmen Konfusstrahl, danach Sondersensor. Ist das klar? Jetzt wird es sogar fast noch spannend!", blaffte die Füchsin selbst bewusst, die sich wieder aus ihrer Sitzposition erhob.
      "Konfusstrahl!", schrie ich für meine Verhältnisse ungewöhnlich laut. Scheinbar war der Funke des Gefechts von der Kampffläche auch auf mich selbst übergegangen! Das Gengar machte keinen Hehl daraus, dass es nicht nur stark, sondern auch extrem reaktionsschnell war. Bevor Rans Konfusstrahl den Schattengeist erreichte, feuerte die Kreatur einen gewaltigen Ball voller dunkler Energie auf Ran ab! Der Radius des Spukballs war einfach zu gigantisch, als dass die Vulnonadame hätte rechtzeitig ausweichen können, sodass sie mehrere Meter durch die Luft geschleudert wurde, bevor sie mit Unsicherheiten auf allen vier Pfoten landen konnte. Die asymetrischen Augenbewegungen des gegnerischen Pokémon, das fast so groß wie ich selbst war, verrieten mir seine Verwirrung und ich wusste jetzt, was zu tun war: "Ran, bist du soweit okay? Schick einen Sondersensor hinterher!" Plötzlich begannen Akumus blutrote Augen, kristallblau aufzuleuchten - Jens setzte auf Hypnose! Wieder war das vollentwickelte Geist-Pokémon in seiner Geschwindigkeit Ran überlegen und setzte sie vorübergehend außer Gefecht. Das Gengar hieß nicht umsonst so. Als nächstes würde sicher eine Attacke wie Traumfresser oder Nachtmahr kommen, oder eben wieder ein Spukball. Ich konnte Ran nicht im Kampf lassen, während sie den grausigen Attacken eines Gengar schutzlos ausgeliefert war!
      "Fluffy, du musst standhalten!", rief ich, als ich ohne Vorwarnung den Pokéball meines Picochilla in die Luft warf. Kein Traumfresser, aber erneut ein Spukball hätte Ran empfindlich treffen sollen, doch stattdessen erreichte die Attacke Fluffy, die sich tief auf den Boden drückte. Geist-Attacken waren letztendlich sowieso nutzlos, von daher musste Jens nun zu Traumfresser greifen, der nur gelang, falls das verteidigende Pokémon schlief. Ich griff in die Beerendose, die alle Okiya-Mitglieder von Yukisango erhielten und griff zu einer blau-braunen Kastanie. Das hungerstimulierende Aroma der Maronbeere würde jedes Pokémon aus der Trance holen! Während ich die Beere in Rans Maul legte, hypnotisierte Jens Gengar wie zu erwarten Fluffy.
      "Ran, du bist wieder dran! Jetzt zeig ihm endlich deinen Sondersensor!", brüllte ich, entschlossen und gewillt diesen Kampf zu gewinnen. Das war doch sonst gar nicht meine Art! Jens probierte erneut per Hypnose meine Taktik zunichte zu machen, doch sein Gengar visierte einen völlig anderen Teil der Arena an, sodass das Vulnona ungehindert zuschlagen konnte. Infolgedessen klärte sich der Blick des mächtigen Geist-Pokémon, dass nun seine letzte Chance nutzen wollte.
      "Nochmal falle ich auf den selben Trick nicht rein, Freundchen. Jetzt ist hier Schluss mit lustig!", knurrte Ran, die den zweiten telekinetischen Energiestrahl auf Akumu abfeuerte - einen zu viel. Das ansonsten so böswillig grinsende Geist-Pokémon kippte bewusstlos nach vorne um, bevor Jens seine geschlagene Trumpfkarte in den Pokéball zurückrief.
      "Wohlan, du hast mich geschlagen. Während du zu Beginn nur von der bloßen Kraft deines Pokémon profitiert hattest, hast du im Kampf gegen mein Gengar dein Talent eindrucksvoll unter Beweis gestellt", sprach Jens, der mir neben eines geisterähnlichen Ordens auch eine TM überreichte: "Das hier ist der Phantomorden, den habt ihr euch verdient. Das andere ist die TM Spukball. Sie ist zwar mit deinem jetzigen Team nicht ganz vereinbar, aber vielleicht findest du noch das ein oder andere neue Teammitglied, das von dieser Attacke profitieren kann. Auch ich bin stets auf der Suche nach anderen Pokémon. Genauer gesagt, nach den Legenden. Raikou, Entei, Suicune, Ho-Oh. Vor einigen hundert Jahren war genau diese Stadt die Heimat dieser mystischen Wesen."
      Nachdem ich mich bedankte und verbeugte, erleuchtete Jens die Arena, sodass ich ohne Schwierigkeiten das Gebäude verlassen konnte. Ich konnte es gar nicht glauben - ICH besaß den Phantomorden!
      "Und eine Tüte Selbstbewusstsein hast du auch noch geschenkt bekommen, ist das nicht schön? Ja? Dann bist du auch bereit für Schritt Zwei..."
      "Aber Ran ...?"

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    • Mischblut Kapitel #14 befindet sich im Beta-Lesen. Es sollte nicht mehr allzu lange dauern, aber dafür gibt es schon mal das achte Kapitel von Yamihonou, das sich von seinen vier unmittelbaren Vorgängern unterscheidet. Viel Spaß! :)

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      Kapitel VIII: Nee-san


      Als die gleißende Mittagssonne über dem Kessel von Kyoto brannte, führte mich Ran zurück zur Bushaltestelle. Ich konnte gar nicht fassen, dass ich einen offiziellen Arenaorden errungen hatte! Letztlich hatte er keinen weiteren Nutzen mehr für mich, da ich als junge Geiko nicht einfach durch die verschiedenen Städte reisen kann, auch wenn es sicher aufregend wäre.
      "Ran, was genau meinst du? Du hast von einem zweiten Schritt gesprochen, aber was kann ich mir darunter vorstellen?", fragte ich durchaus besorgt. Was hatte sie denn nur mit mir geplant?
      "Du willst es einfach nicht verstehen, oder? Das erfährst du alles, wenn wir da sind. Hör auf, mir solche dummen Fragen zu stellen und folge mir", zischte sie. Eigentlich hatte ich keine andere Wahl, als mich überraschen zu lassen. Als wir in den Bus einstiegen, ließ ich die schlafende Fluffy sich in ihrem Pokéball ausruhen, denn auch sie hatte tolle Arbeit geleistet, selbst wenn sie letztendlich gar keinen Angriff ausgeführt hat.

      "Woher wusstest du ... du hast mich auch 'beobachtet', richtig?", wollte ich von der Füchsin wissen, als sie an einer Bushaltestelle im Zentrum Kyotos ausstieg. Wie sonst hätte sie mich sonst zu der Schule meiner kleinen Schwester Kyoko führen können?
      Ran zuckte angespannt mit den Ohren, als sich plötzlich umdrehte und mich mit verärgerten, rot glühenden Augen fixierte: "WIr sind Vulnona, da erfährt man eben viel über die Familien einer Stadt. Du solltest dich eher auf andere Dinge konzentrieren, denn sonst klappt das nie! Schau dir lieber mal diese Möchtegerns an. Sind sie nicht schlichtweg kläglich?"
      Sollten Leuten wollte ich nicht zu nahe kommen. Sie sind aufdringlich, aggressiv und unhöflich, ehrlich gesagt hatte ich immer Angst davor, nachts solchen Gestalten zu begegnen. Daher schlug ich vor, schnell weiter zu gehen: "Hier ist Kyoko nicht, komm, wir suchen sie!"
      "Nein. Nein, nein, nein. Das hier gehört dazu. Du wirst nicht davonlaufen", erwiderte Ran, die schnurstracks auf die Gruppe der vier jugendlichen Raufbolde zulief.
      "Hey du! Bist du 'ne Ziege oder 'ne Kuh? Halt mal deinen hässlichen Schäferhund von uns weg, sonst klatscht es, aber keinen Beifall!", blökte der Mittelgroße, der mir seine Zigarette entgegenwarf. Im Gegensatz zu seinen glatzköpfigen beziehungsweise langhaarigen Kameraden trug dieser mittelkurzes, wasserstoffblond gefärbtes Haar. Ich konnte nie nach vollziehen, wieso manche diese künstlich wirkende Farbe dem natürlichen Schwarz vorzogen, doch wahrscheinlich wünschten sie sich, sich individuell abgrenzen zu können.
      "Wehre dich", zischte Ran, die energisch mit den drei mittleren ihrer neun Schweife umherpeitschte: "Na los, wehr' dich endlich! Wird's bald? Wie lange willst du noch angewurzelt dastehen und dich von irgendwelchen Schwachköpfen verhöhnen lassen?" Sie hatte vollkommen recht, ich rührte mich nicht vom Fleck, während die maximal ein oder zwei Jahren jüngeren Oberschüler mich drohend unter der mit feinen, weißen Mosaiksteinchen verzierten Unterführung fixierten. Einige Stunden später würden sie wohl das dunkelgrüne Jackett und die schwarze Hose ihrer Oberschuluniform gegen ihre gewöhnlichen Klamotten eintauschen, die sie sicherlich noch viel bedrohlicher erscheinen lassen würden. Ich griff in meine Tasche und streckte den Vieren meinen neu errungenen Phantomorden hin. Ich erhoffte mir insgeheim, dass das in den Farben des Lavendels glänzende Stück Metall für genug Eindruck sorgte und wir weitergehen konnten.
      "Na, deine Töle hat also was drauf. Du weißt aber schon, dass du uns damit nicht drohen kannst, denn schließlich darf dein vierbeiniger Flohzirkus uns nichts antun! Der Orden sagt mir höchstens was über dein Pokémon aus, aber nichts über deine Stärke", höhnte der Wortführer der Gang. Immerhin konnte ich von seinen Kumpanen ein Heben der Augenbrauen heben, jedoch war ich mir gar nicht sicher, ob das sogar ironisch gemeint sein konnte. Schon wieder ... schon wieder überkam mich dieses schauderhafte Gefühl der Unsicherheit, obwohl ich doch gerade eben einen Erfolg errungen hatte! Langsam begriff ich, was Ran mir vermitteln wollte.
      "Die da drüben! Wie sieht die denn aus? Hat die Hörner?"
      "Oh mein Gott! Ja! Wie komisch das aussieht! Hey, du, darf ich die mal anfassen? Oder spießt du mich dann damit auf?"
      "Schau' mal hier, ich hab was Rotes für dich! Olé! Hihihi!"
      Helles Gekicher. Eine Gruppe von Mädchen hatte mich entdeckt und schien sich unheimlich über die kleinen, schwarzen Vulkankegel in meinem Haar zu amüsieren. Wieder war es ein Quartett, das mich nun auch auf der anderen Seite eingekreist hatte. Gackernd hielten sie ihre Hände vor den Mund und inspizierten meinen scheinbar abnormalen Schädel. Wie ich es hasste, zur Belustigung anderer angestarrt zu werden! Doch eine der Schülerinnen kannte ich - sie war diejenige, die nichts sagte.
      "Kyoko! Hey, ich wollte dich einfach mal besuchen kommen! Dachte ich ... zumindest. Schön, dich endlich wieder zu sehen!", rief ich, als ich auf sie zuschritt.
      "Was? Die ist deine Schwester? Sag mal, stimmt das?", kreischte das kurzhaarige, brünette Mädchen mit schriller Stimme. Eine Weitere mit künstlichen Locken trieb meine kleine Schwester ebenfalls in die Enge: "Wie peinlich! Dann bist du ja die Schwester von einer Kuh! Oder eine Ziege? Oder ist sie sogar ein Bison? Ein magersüchtiges ... Bison ... natürlich."
      Wut stieg in mir auf. Grenzenlose Wut. Erneut reduzierten mich diese unreifen Mädchen auf meine äußerlichen Merkmale, die mich in ihren Augen zum Paria machten. Sie würden mir nicht mal eine Chance geben ... ach, schon wieder dachte ich viel zu viel nach. Verlegen starrte Kyoko auf ihre schwarzen, sauber geschnürten Schuhe, beschämt flackerte ihr Gesicht rot auf.
      Sie kam mir entgegen und presste ihre Wange in meine, bereit, mir so leise und geheim wie möglich ins Ohr zu flüstern: "Tut mir leid, Touka-nee-san, wir sollten uns wohl wann anders treffen. Alleine. Ich lotse die Mädels schnell weg, immerhin wollten wir sowieso woanders hingehen."
      "Wow, die sind ja hart! Wie die eines echten Ochsen! Sag mal, frisst du eigentlich auch Gras?", fragte mich die Größte der Gruppe, die ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Sie packte mir an die Hörner und rieb ständig zu meinem Ärger über sie. In meinen Ohren hallte das Grölen der vier Jungs, die hämisch klatschten. Kyoko ähnelte mir wie aus dem Gesicht geschnitten, lediglich etwas jünger. Sie schien ebenfalls mit der Situation nicht ganz zurecht zu kommen und stand wortlos daneben, mit verängstigten Augen betrachtete sie das Gerangel. Richtig, mittlerweile war es ein Gerangel, als auch die beiden anderen Mädchen mein Haupt befühlen wollten. Ran saß seelenruhig auf der weißen, halbhohen Mauer. Wahrscheinlich wollte sie sich nicht einmischen und es mir selbst überlassen, mich zur Wehr zu setzen. Ich packte meinen ganzen Mut zusammen und griff die Brünette an ihrer Bluse, um sie fortzuschubsen. Theatralisch ließ sie sich zu Boden fallen, sodass ihre beide Freundinnen, in hyänenartiges Geschrei ausbrechend, mich von zwei Seiten umzingelten.
      "Du blödes Biest! Du kommst ja direkt aus der Hölle! Eine Teufelskuh!", schrie die größere, die mich mit einem gezielten Faustschlag selbst auf den Erdboden beförderte.
      "Touka! Bitte hört auf! Lasst sie in Ru-...", rief Kyoko, die verschrocken ihren Kopf zwischen ihren beiden Handtellern einklemmte, während sich ihre kleinen Finger wie bei einem Austos langsam über die Augen legten. Mehr bekam ich leider ich mehr mit, bevor mich die Ohnmacht verschlang ... Kyoko ... ich wollte doch nie Ärger für dich bereiten ...


      Meine Nase ... warum zur Hölle schmerzte sie so? Der Schmerz pulsierte in meinem Gesicht. Ich fasste an meine Nase und musste mit ansehen, wie scharlachrote Bluttropfen meine Finger hinunterrollten. Jemand musste es gewagt haben, mich anzugreifen. Das war ja fast schon töricht.
      Ich sah nach oben und erkannte das verärgerte Gesicht eines Mädchens. Wutentbrannt fauchte ich diese dreiste Göre an: "Räudige Ratte, genieße die letzten Sekunden, in denen du dich an meinem Leid ergötzen kannst, bevor ich dich ..."
      Sie rammte mir ihren rechten Fuß in den Bauch , sodass ich meine Stimme verlor, mich beinahe verschluckte. Trotz des stumpfen Gefühls, welches sich in meiner Magengrube ausbreitete, richtete ich meinen Oberkörper auf und griff nach ihrem Bein. Die störenden, langen schwarzen Strümpfe schob ich runter, um mit all meiner Kraft meine Zähne in ihren Unterschenkel zu graben. Wie spitze, weiße Dolche bohrten sie sich in das Fleisch, dessen angebrannter Geruch langsam in meine Nasenhöhlen hinaufstieg. Sie schrie wie ein Schwein, das am Spieß gebraten wurde, innerhalb von Sekunden wechselte der Standort vor meinem geistigen Auge vom modernen Japan ins mittelalterliche Europa. Rundherum hörte ich Stimmen, männliche, weibliche, junge, helle, dunklere, doch all dies wurde vom Schrei meines Opfers überschattet. Als ich von ihr abließ, fiel zu zu Boden wie ein erlahmtes Ponita - doch ein Ponita hätte meinen Flammen wohl tapferer widerstanden. Ich blickte mich um, denn neben den Schülern, von denen immer mehr den Entschluss fassten, das Geschehen zu beobachten und mich mit feindseligen Blicken anzufunkeln, saß ein Vulnona, das es sich auf einer Mauer gemütlich gemacht hatte. Tatenlos. Es schaute einfach nur zu, als ob es dachte, dass die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen würden und nicht zu verhindern seien.
      Ein Flegel, im gleichen Alter wie das sich vor Schmerzen krümmende Mädchen, näherte sich mir. War er auch epicht darauf, ein für das Leben entstellendes Brandmal zu erhalten? Nur zu gerne würde ich seinen Begehr erfüllen. Immer mehr von ihnen scharten sich um mich.
      "Ihr seid viele! Ich bin mir ziemlich sicher, dass das so gewollt ist! Haha, ihr seid nur in der Gruppe stark! Ich möchte sehen, wie einer von euch mir alleine gegenübersteht und wagt, die Hand gegen mich zu erheben! Ich schätze, ich habe da zu viel verlangt. Ja, so muss es wohl sein, ihr räudigen Hyänen, eine einzige, gewaltige Ansammlung von Mitläufern, oh, wie ich euch verachte! Dreckpack!", schrie ich, immer noch in meiner Sitzhaltung am Boden, drehte meinen Kopf, dass jeder dieser Narren innehielt. Als ich erneut in die Runde schaute, fühlte ich mich, als ob ich in einen Spiegel blickte. Einem Mädchen, dass mir sehr ähnlich sah, liefen riesige Krokodilstränen die Wange herunter. Hatte ich sie innerlich zerstört? Exzellent! Moment ... nein ... irgendwas ... sie kam mir vertraut vor. Ich begann das ekelhafte Gefühl zu bekämpfen, was plötzlich in meinem tiefsten Innersten aufquoll.
      "Sehr gut. Jetzt hast du diesen Einfaltspinseln endlich mal gezeigt, was du kannst. Hm ... riecht nach Ärger. An deiner Stelle würde ich jetzt die Beine in die Hand nehmen. Aber du wirst stärker. Du machst Fortschritte. Vortrefflich!", predigte die Füchsin, die sich nun mit allen Vieren aufgerichtet hatte. Ich kannte sie nicht und verstand nicht, worauf sie herauswollte. Ich richtete meine ganze Konzentration auf sie, doch es gab nicht eine einzige Erinnerung, auf die ich mich berufen konnte.
      Mein Kopf ... das musste ein dicker Holzstab gewesen sein ... ich hatte völlig außer Acht gelassen, dass auch hinter mir Leute standen ... wenn ich nur wüsste, wer ...


      Rot ... dunkel ... Rot ... dunkel ... Rot ... dunkel ... es flackerte so regelmäßig. Dieses grelle Licht machte nicht die geringsten Anstalten, mich weiter schlafen zu lassen. Wie lange schlief ich schon? Langsam öffnete ich meine Augen. Ein kyuukyuusha war es, der das rötliche Licht aussendete ... wie hieß es noch gleich ... ja, richtig. Ein Krankenwagen. Lag ich immer noch auf dem harten, asphaltierten Boden, der für meinen Kopf so unglaublich unbequem schien? Meine Nase war verstopft, ich hatte etwas Schwierigkeiten, zu atmen. Stimmt, da gab es diesen Faustschlag von dem Mädchen, welchen ich abbekommen hatte.
      "Touka?"
      Das zarte Stimmchen gehörte zu Kyoko, meiner kleinen Schwester, deren zierlicher Körper sich plötzlich über meinen Torso beugte. Sie wirkte mehr als nur besorgt, sie machte den Eindruck, als ob sie geweint hätte. Ich blickte zu ihr hinauf, doch irgendwie fühlte ich mich zu kraftlos, um zu sprechen. Wo steckte eigentlich Ran? Sie hatte mich doch hierhin gebracht.
      "Was ist nur los mit dir? Ich ... ich habe dich noch nie so böse gesehen. Du bist so gut, dass du dich bisher nie getraut hast, dich zu wehren. Und du bist meine Nee-san ... meine große Schwester ... und ich habe dich lieb ... aber ... wieso hast du sie so fest gebissen? War es nicht ... zu viel?", flüsterte sie besorgt. Ich spürte jedoch auch, wie ein leichter Hauch des Vorwurfs in ihrer Stimme mitschwang. Gebissen? Ich hatte jemanden ... nein, das war unmöglich, daran hätte ich mich doch erinnert. ich habe sie lediglich geschubst! Da hinten lag sie, ein Sanitäter pflegte Kyokos Klassenkameradin.
      "Du hast das Richtige getan. Sie hat für ihr Leben gelernt. Ist das nicht vortrefflich? Ja, ganz sicher vortrefflich! Ich bin stolz auf dich, Kleine", sprach eine Stimme, sanft wie der Rauch eines buddhistischen Altars, als eine flauschige Schweifspitze durch mein Gesicht fuhr. Es war Ran, doch sie sprach so viel freundlicher als sonst. "Vortrefflich". "Vortrefflich" war eines der Attribute, die Buddha, dem Erhabene, dem Erleuchteten und dem Weltenkenner zugeschrieben wurden, wenn er gesprochen hatte.

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    • Ein Kapitel voller Referenzen...viel Spaß! :)


      Kapitel IX: Metta


      "Schwein-Schwein-Schwein-Schwein-Schwein! Schwein-Schwein-Schwein-Schwein-Schwein?! Ah! Da bist du ja! Gut gemacht, Schwein, gut gemacht", sprach eine sanfte, ja fast schon liebevolle Stimme, als eine Hand meinen Kopf tätschelte. Im Gegensatz zum gutherzigen Farmer Hoggett aus "Ein Schweinchen namens Babe" meinte die hämisch grinsende Satori das Lob alles andere als ernst: "Ich bin schwer beeindruckt von dir. Wenn ich doch nur etwas mehr Zeit hätte, würde ich dir gerne einen Kuchen für deine Glanzleistung backen. Wow, ein zwei Jahre jüngeres Mädchen an einer Schule zu verprügeln - das hätte ich sicher nicht geschafft! Wozu hast du noch mal ein Pokémon bekommen, wenn du selbst so stark bist?"
      "Ich würde mein Maul nicht so weit aufreißen! Du warst selber nicht dort gewesen, Satori! ", fauchte ich zornig zurück. Bislang hatte ich immer versucht, höflich und ruhig zu antworten, doch sie begriff es einfach nicht. Wenige Sekunden später war ich erschrocken über meinen eigenen Wutausbruch. Viel mehr als Satori selbst, die mich nur belustigt musterte. Nie zuvor hatte ich dermaßen die Nerven verloren. War ich selbstbewusster geworden? Oder verlor ich nun komplett die Kontrolle über mich selbst?
      Zugegebenermaßen war sie auch eine Person, die ständig das letzte Wort haben musste. "Na, was ist denn das für eine Wortwahl? Du weißt doch selbst, dass nur Tiere Mäuler besitzen. Du weißt schon, Schweine, Ziegen, Kühe ..."
      "Und Hyänen auch... Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten und falle nicht ständig über Touka her. Wie sie schon sagt, hast du überhaupt keinen Einblick in das Vorgefallene", sprach eine elegante Gestalt, die sich von hinten näherte. Es war Urara, die provokant mit ihrer Schulter ihre größte Rivalin streifte.
      "Diesen Einblick besitzt du auch nicht. Aber jammere bloß nicht nachher, falls die kleine, unschuldige Touka dir ein paar Rippen bricht!", keifte eine sichtlich genervte Satori, die in ihrem Hang zur Übertreibung vollends aufging.

      Es war wohl besser, wenn ich in den nächsten Stunden einfach allen anderen aus dem Weg ginge. Ich schnappte mir meine Koto, ein etwa 1,80 m langes, mit Seide überspanntes Saiteninstrument aus Holz und trug es in unseren Garten. Da es in den letzten Tagen nicht mehr geregnet hatte, war das frische Gras komplett trocken, sodass man sich es dort problemlos gemütlich machen konnte. Ich kniete mich vor unseren kleinen Teich, in dem einige Goldini schwammen und begann, die Saiten des Instruments zu zupfen. Die Fischpokémon schwammen schneller und hektischer, als ich auf der Koto spielte. War es wegen den Klängen oder vielleicht wegen meiner Wenigkeit? Ich betrachtete mein Gesicht skeptisch im vibrierenden Wasser. Was war bloß los mit mir? Konnte diese rundherum betrachtet scheußliche Woche nicht einfach ein Ende haben? Plötzlich vernahm ich ein Geraschel aus den Thujabäumen am Rande unseres Grundstücks. Ich hoffte doch nicht, dass Ran schon wieder etwas mit mir unternehmen wollte? Als die Sanitäter mich heimbrachten, hatte sie sich in die andere Richtung entfernt.
      "Sag nichts. Nein. Die Kramurx und die Taubsi haben mir bereits alles berichtet", sprach eine männliche Stimme eines zersausten Wesens, dass sich durch das Gebüsch quetschte: "Verdammt, ich hätte früher da sein müssen. Ich wusste, dass das nicht gut enden würde, wenn diese Verrückte dich unter ihre Fittiche nimmt. Wie dem auch sei, habt ihr keine besseren Versteckmöglichkeiten als diese hässlichen, unbequemen und juckenden Thuja-Bäume anzubieten?"
      Inari versuchte sich heftig zu schütteln, doch die kleinen, wiesengrünen Triebe der Büsche hatten sich in seinem weißen Fell verflochten.
      "Das stinkt doch aus einhundert Kilometern Entfernung. Ach was, bis nach Kitakyushu stinkt das! Ich weiß nicht, was Ran genau im Schilde führt, aber sie tut es. Ich verbiete dir hiermit, dich mit ihr zu treffen. Punkt. Basta. Schluss mit lustig", grummelte der Fuchsrüde, der sich mühsam die pflanzlichen Reste aus den Schweifen und den Pfoten entfernte.
      "Ran hatte eigentlich vorgehabt, mein Selbstvertrauen aufzupolieren ... und naja ... ganz erfolglos war sie hierbei nicht. Schau her, wir haben gemeinsam den Phantomorden errungen! Den von Jens! Ja, genau DEM Jens! Außerdem habe ich endlich eingesehen, dass ich mir nicht mehr alles von anderen gefallen lassen soll", erklärte ich ihm freudig. Leider übersah ich, wie todernst er seinen Satz meinte.
      "Der Arenakampf war tatsächlich keine schlechte Idee. Aber ihre zweite Methode geht eindeutig zu weit. Ich weiß, dass die Provokation von den anderen Mädchen ausging. Trotzdem hat diese Füchsin es in Kauf genommen, dass du verletzt wirst und sogar noch andere Leute verletzt! Das liegt nicht im Sinne des Erfinders. Von daher ist sie für dich jetzt tabu, verstanden?", schnaubte das schneeweiße Vulnona, dass mich mit seinem Blick fast schon durchbohrte. Ich erschrak, als ich dieses verachtungsvolle Funkeln in seinen Augen wahrnahm, wann immer er über Ran nachdachte. Doch dann leckte mir der Kitsune sanft über meine Hand.
      "Ich höre mich für dich sicher wie ein strenger Vater an. Dabei will ich dich doch nur schützen. Vor den anderen und vor dir selbst", rechtfertigte sich Inari. War ich unvernünftig? Nein, ich hatte lediglich gelernt, meine eigene Meinung stärker durchzusetzen.
      "Ich finde, dass mir das Training mit Ran viel gebracht hat. Du kennst mich doch kaum, wie kannst du dann nur so starr beurteilen, dass ich Schutz bräuchte? Ich bin jetzt achtzehn Jahre alt, verstehst du? Morgen trainiere ich aber mit dir, versprochen", flüsterte ich leise, aus Angst, die Aufmerksamkeit der anderen Geikos in der Okiya auf mich zu ziehen.
      "Nun denn. Ich hätte da eine Idee, was wir morgen machen könnten", sprach der Fuchs, als der sich von mir abwandte, bereit, sein Nachtlager aufzusuchen. Nun, da ich nun den Phantomorden besaß, könnte ich doch einfach einen weiteren Orden erlangen! Irgendwie hatte ich an der Sache Blut geleckt, auch wenn ich genau wusste, dass ich die Arenen in Takamatsu oder Kobe wohl nie sehen würde.
      "Fahren wir nach Osaka und bezwingen wir Bianca? Oder stellen wir uns der Herausforderung gegen den Falken von Nara?", fragte ich voller Vorfreude.
      "Weder noch. Nicht, dass ich prinzipiell etwas dagegen hätte. Aber noch ist dieser Zeitpunkt nicht gekommen. Erstmal gilt es, den Schaden zu beseitigen, den diese Schlange namens Ran angerichtet hat", fluchte Inari mit harschen Worten. Ausgerechnet die Schlange stellte in der buddhistischen Trias den Hass dar. Deshalb war ich schon immer der Auffassung, dass sie das schlimmste der drei Wesen war, schlimmer als das unwissende und verblendete Schwein und der stolze und egozentrische Hahn. Inari verschwand wieder spurlos durch das Gebüsch, während ich auf meine braune Lederarmbanduhr starrte. Es würde sich nicht mehr lohnen, mit der Koto zu üben, denn in wenigen Minuten würde es Essen geben.

      "Wohin führst du mich? Ich bin etwas überfragt", resümierte ich, als ich Inari am folgenden Tag in eine mir unbekannte Nachbarschaft im Zentrum Kyotos folgte: "Nein, das kann nicht dein Ernst sein! Da gehe ich nicht rein!" Die allgegenwärtigen Schriftzeichen ließen die Anwesenheit der "Arztpraxis Ueda" verlauten. Neben einem kleinen Park und einigen Wohnhäusern zeichnete sich diese Straße durch nichts Besonderes aus.
      "Keine Sorge, um die Praxis geht es gar nicht. Vielmehr möchte ich zu diesem Wohnhaus hier bringen. Siehst du das kleine Holztürchen an der Seite? Da gehen wir jetzt rein", flüsterte der Fuchs, der ohne meine Antwort abzuwarten mit einem Satz über das kleine Tor sprang. Ich war einfach nur baff. Mit offenem Mund sah ich hinterher, wie das Vulnona sich seinen Weg durch den fremden Garten bahnte.
      "Aber das ist doch Hausfriedensbruch ... und Spionage ... und Verletzung der ... was bringt uns das? Was ist, wenn die Polizei kommt?", rief ich so leise wie möglich nach, doch ich erhielt keine Antwort. Er konnte so viel über Ran herziehen, wie er wollte, doch seine Methoden waren nicht minder dubios! Aber welche andere Möglichkeit blieb mir denn? Wenn ich ihm nicht folgen würde, hätte ich ihm sein Vertrauen in mich nicht zurückgezahlt und wir wären zum Scheitern verurteilt. Ich mühte mich ebenfalls über den Zaun und erspähte den Fuchs, der sich hinter dem mittelbraunen Gartenhäuschen verschanzt hatte. Mucksmäuschenstill trippelte ich weiter und wurde hinter einen Haufen Schutt geführt, der von einer durchlöcherten, cyanblauen Abdeckplane aus Plastik verdeckt war. Im sicheren Versteck angekommen, presste Inari drei seiner Schweifspitzen gegen meinen Mund und mahnte mich zum Schweigen. Es war unbequem und stickig, der strenge Geruch des Plastiks und angefeuchteten Holz konnte sich behütet unter der Plane entwickeln.
      Plötzlich vernahm ich eine Stimme, die sich am vorigen Tage fest in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. Mein Puls begann zu rasen, als tatsächlich das Mädchen, dass ich auf den Boden geschubst und angeblich mit einer schweren Bisswunde versehen hatte, hastig in den Garten humpelte. Sie trug eine lange, schlabbrige Gabor-Király-Gedächtnis-Jogginghose in Grün und Hellgrau, die die Verletzung scheinbar überdecken sollte.
      Sie schien verärgert und drehte schon bald den Kopf um, um eine wohl von hinten kommende Person anzubrüllen: "Du kannst mich mal! Ihr alle könnt mich mal! Ich bin verletzt, aber euch ist das alles egal! Egal was ich will, es interessiert euch kein bisschen! Es geht immer nur um euch! Hast du vielleicht mal gedacht, dass ich nicht Ärztin oder Anwältin werden will?"
      "Schrei' nicht so durch die Gegend! Wenn das die Nachbarn hören! Was sollen die denn bitte denken?", herrschte eine ältere Stimme das Mädchen an , höchstwahrscheinlich ihre Mutter.
      "Ja, eben! Was interessieren MICH denn EURE Nachbarn? Es geht immer nur um euch! Euch interessiert es überhaupt nicht, dass ich keinen Bock habe, in diesen blöden Nachhilfeschulen zu gehen, nur aus dem Grund, weil fast alle dorthin gehen, um sich gegenseitig zu übertrumpfen! Ihr kotzt mich einfach nur noch an!", schrie die Oberschülerin verzweifelt, mit den Nerven sichtlich am Ende. Als sie sich wieder in unsere Richtung drehte, standen ihr die Tränen im glutroten Gesicht. Traurig und zornig zugleich verschwand sie im Gartenhäuschen und schlug die Tür mit aller Wucht zu. Diesen Hass und diese Verachtung, den sie mir entgegenbrachte ... war das der Ort, an dem sich alles aufstaute? Ich wollte sie keineswegs in Schutz nehmen, denn es war trotzdem nicht richtig, mich so gemein zu behandeln, doch die Situation half mir, wenigstens ein bisschen nachzuvollziehen, dass nicht alle Menschen von Natur aus böse waren - falls es so etwas überhaupt gab. Ich philosophierte in Gedanken einfach viel zu viel darüber.
      "Es ist Zeit, von hier zu verschwinden. Los, komm!", flüsterte Inari, der abwartete, bis die Mutter des Mädchens aus der Sichtweite verschwunden war. Sie wusste wohl ganz genau, dass es keinen Zweck hatte, ihrer Tochter in dem Gartenhäuschen noch weiter zur Weißglut zu bringen. Mit einem schnellen Satz sprang das Vulnona hinter der Plane hervor und sprintete bis hin zum Gartentor. Als ich geprüft hatte, ob die Luft rein war, tat ich es ihm gleich. Ein älterer Herr starrte mich völlig verdutzt an, als ich über das ein Meter hohe Zäunchen kletterte, doch nach einigen Sekunden ging er wortlos weiter. Auch ich hatte mich mittlerweile beruhigt, da die Angst, erwischt zu werden, nicht mehr bestand.
      "Das Mitgefühl mit den anderen auf dieser Erde existenten Wesen ist einer der zentralen Anhaltspunkte der buddhistischen Lehre. Du wurdest doch sicher buddhistisch erzogen, oder? Dieses Phänomen nennt sich Metta. Menschen und Pokémon haben es gleichermaßen verdient, Metta zu empfangen. Vielleicht hat dieses Mädchen gar nichts gegen dich. Doch ist sie im jetzigen Zustand nicht beklagenswert? Das solltest du dir immer vor Augen führen. Vielleicht geht es ihr genauso schlecht, wie es dir geht", erklärte Inari. Es war vielleicht zutiefst undankbar, doch danach schwirrte nur ein Gedanke in meinem Kopf.
      "Was ist mit Ran? Hat sie etwa kein Metta verdient?", fragte ich vorsichtig, um nicht zu vorwurfsvoll zu klingen.
      "Ran ist ein Teufel, ein Dämon, ein ... natürlich ni-... naja ... genau betrachtet ... ehrlich zugegeben ... ist deine Antwort der Theorie nach die Richtige", gab der Kitsune schweren Herzens zu, auch wenn sein Innerstes sich voll und ganz gegen diese Aussage sträubte: "Übrigens bringe ich dich jetzt nach Hause, mehr hatte ich mit dir heute nicht vor. Nun liegt es an dir, den Gedanken des Metta zu verinnerlichen."
      "Aber das war wohl kaum mein ganzes Training, oder?", fragte ich skeptisch nach.
      Der Vulnona-Rüde stoß belustigt einige einem Lachen ähnliche Töne aus: "Gewiss nicht, gewiss nicht. Das war doch erst der Anfang. Aber es war mitunter eine der wichtigsten Lektionen, merke dir das!"

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