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Carmina Iracundiae – Die Lieder des Zorns [FSK 16+]

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    • Carmina Iracundiae – Die Lieder des Zorns [FSK 16+]

      Liebe filber/-innen,

      lange hat es gedauert, bevor ich mein Projekt fertig konstruiert hatte. Allerdings hat mir die Uni für lange einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt, wo ich endlich mal Zeit habe, kann ich endlich mal mit etwas konkretem anfangen. Ladies and Gentleman, ich präsentiere...

      Carmina Iracundiae – die Lieder des Zorns



      Ich möchte erstmal nicht zu viel verraten, und eigentlich braucht ihr auch nicht allzu viel im Voraus zu wissen. Wer jedoch ungefähr ein Feeling für meine Fanfic haben möchte, der sollte sich die paar Beiträge des Legend of the Dragon Rider RPG ansehen. Dort sind einige Charaktere dabei...


      Laß den Zorn, die stürmische Erregung.
      Alles Ungestüm hat keine Dauer:
      Keine Stunde währt ein Hagelschauer,
      keinen Tag des Wirbelwinds Bewegung.
      Rasch verglüht des Blitzes Feuerklinge -
      Und dies sind des Himmels große Mächte.
      Stille ziemt dem kleinen Geschlechte.
      Und selber ordnen sich die Dinge.

      (Laozi)

      PS: Ich werde heute noch den Prolog posten, bin gerade am falschen Computer. Ich bitte also, den Doppelpost zu entschuldigen. Werde den Einleitungspost für die Infos benutzen.
    • Prolog - Das stille Massaker von Skyward




      Es lag eine unheimliche Stille über der Akademie, meinte Nobu, als er mir berichtete, wie er zum ersten Mal Skyward erblickte. Es war kein einziger Stein vom anderen genommen worden, und trotzdem rührte sich weder Mensch noch Pokemon. Zunächst wartete er, ob vielleicht doch irgendjemand oder irgendetwas ein Lebenszeichen von sich gab. Zehn Minuten später verließ er sein kleines Versteck in den Bäumen und betrat das ehemalige Adelsschloss. Eigentlich hatte der Gute immer die Gewohnheit, einen Seiteneingang zu nehmen oder sogar über Mauern oder Wände hochzuklettern. Er ahnte jedoch, dass ihn nichts Bedrohliches erwarten würde. Stattdessen eher etwas Beängstigendes.
      Als er den Hof betritt, fand Nobu ein erstes beunruhigendes Zeichen: Ein verrotteter Baumstumpf lag am Osttrakt des Gebäudes. Es war scheinbar der Leichnam eines Paragoni – dieser geht nämlich sofort ein, falls seine Seele die Pflanze verlässt. Für einen kurzen Moment blieb Nobu vor dem Baumstamm stehen, bevor er schließlich weiter ging. Zwar war er kein gefühlsroher Mensch, aber seit dem Vorfall mit Kuraiko hat er... sagen wir Probleme mit Pokemon. Daraufhin ging er in die Versammlungshalle und zum Glück war es Nobu und niemand anderes, der mit diesem Anblick als Erste(r) in Kontakt geriet.
      Was dort nämlich zu sehen war, kann man als ein stilles Massaker bezeichnen. Mehrere Schüler und Lehrer sowie einige Pokemon lagen kraftlos auf dem Boden. Niemand außer Nobu rührte sich. Erstaunlicherweise waren keine Zeichen vor Gewalteinwirkung vorhanden. Zwar sahen die Leichname so aus, als wären sie in Schmerzen gewesen, aber am Körper war alles in Ordnung. Oder besser gesagt: Interessanterweise waren die Körper noch nicht zersetzt worden. Immerhin hatte man von Skyward zuletzt vor einem Monat gehört (Man muss sagen, dass dies nicht ungewöhnlich war. Allerdings war ich dieses Mal skeptisch, daher habe ich Nobu auf den Botengang geschickt). Die Todesursache ist wohl fehlende Nahrungsaufnahme gewesen. Nobu war natürlich ziemlich überrascht. Er wusste nicht, wer oder was für solch einen Vorfall verantwortlich gewesen sein konnte. Mir war es natürlich bewusst.
      Den Rest brauche ich wohl nicht mehr zu erzählen. Die meisten Schüler befanden sich auf ihren Zimmern im selben Zustand wie die Unglücklichen in der Halle. Ein paar sind in der Bibliothek entschlafen und die Pokemon waren fast gänzlich in den Ställen. Andere Hinweise auf irgendwelche Eindringlinge hatte Nobu nicht finden können. Überzeugt davon, alles gesehen zu haben, verließ Nobu Skyward schließlich und legte etwas Distanz zwischen sich und der Akademie. An seinem Zielpunkt wartete eines unserer Schwalbosse auf ihn. Nobu nahm einen Zettel, schrieb eine kurze Notiz und sandte unseren Botenvogel zurück zu unserem Anwesen. Er selber benötigte noch drei weitere Tage, bis er wieder in der Stadt war.

      Die allgemeine Öffentlichkeit erfuhr erst zwei Wochen danach von den Ereignissen in Skyward. Natürlich war der Aufschrei recht groß, immerhin trainierte an dieser Akademie ein Großteil der jungen Trainer in Skyward. Vergeblich suchte man nach irgendwelchen Überlebenden, doch man hatte keinen Erfolg. Selbst die Gebrüder Sirius und Felix Elric, zwei ausländische Studenten, die zum Zeitpunkt des stillen Massakers nicht anwesend waren, konnten nicht aufgefunden werden.
      Die ganze Sache stellte eine große Blamage für die damalige Regierung dar. Die junge Regierung war sowieso nicht stabil – eine konservativ-liberale Koalition gegen die populären Sozialdemokraten. Nun hatten sie auch die Wut einiger wichtigen Bürger auf sich, welche natürlich ihren Zorn öffentlich zeigten. Die Sozialdemokraten, vor allem ihr Finanzmanager und Abgeordneter Ritsu Hasegawa, nahmen diese Gelegenheit dankend an, um die regierende Koalition zu denunzieren:
      „Es ist egal, dass unsere Region noch sehr jung ist: Wie kann eine Regierung unseren talentiertesten Nachwuchs in einer veralteten Ruine auf dem gefährlichsten Gebiet der ganzen Zanto-Region erziehen lassen? Wer von ihnen hat solch eine Tragödie nicht kommen sehen? Ich sage ihnen, meine Damen und Herren: Die Schuld für diese Tragödie tragen sie, und ich verspreche Ihnen: Diese Sache wird noch ein böses Nachspiel haben!“
      Solche Zitate kamen mittlerweile fast täglich in den Zeitungsnachrichten. Obwohl die Kritik natürlich berechtigt war, langweilten mich die sich ständig wiederholenden Anschuldigungen.
      Es war nicht mal irgendwelche neue Details drin. Nur immer dieselben reißerischen Zeilen, nur immer etwas schöner formuliert.
      „Wenn das so weitergeht, könnt ihr eure Zeitung behalten, Vater. Langsam aber sicher habe ich die Lust, Hasegawa-san den Kopf abzureißen. Bloß weil sein Sohn ebenfalls unter den Opfern war, macht er sich keinen Gefallen, die Leute mit eintönigen Hetzreden zu langweilen.“
      Mein Vater Tadashi reagierte gelassen. Er nahm einen Schluck seines Jasmintees und antwortete: „Solange du über die derzeitige Politik der Regierung Bescheid weiß, meinetwegen. Jedoch würde ich mir wünschen, dass mein Adoptivsohn etwas verständnisvoller zu meinem Geschäftspartner ist. Ritsus Sohn war sein Ein und Alles. Immerhin hatte er seine Frau bei der Geburt verloren. Nun steht er komplett alleine da. Nur schade, dass er es an unserer Regierung auslässt.“
      Ein gelassener Blick, eine innere Ruhe... oh, wie ich Vater um diese Sachen beneide. Dass er eigentlich ein Mönch werden sollte, hat ihm als Großhändler sehr geholfen. Er ist gefürchtet als ein knallharter und unnachgiebiger Verhandlungspartner, der auch meist das bessere Mindset besitzt. Auch nach mittlerweile... wie viele Jahre waren es... fünf vielleicht?... kam ich nicht mal ansatzweise an seine Stoik heran. Tag nach Tag war ich im Raum der Stille, vergebens.
      „Ihr zeigt euch wieder unberührt, Vater? Ich bin erstaunt. Nicht wenige wären verängstigter als ihr es gerade seid. In solchen Situationen glaube ich, dass ihr euch den falschen Nachfolger ausgesucht habt... zumindest, wenn ich eure Philosophie nacheifern soll.“
      „Du hast recht, mein Sohn“, meinte Vater. „Als mein Nachfolger im Geiste würdest du den Ansprüchen niemals gerecht werden. Aber...“
      Er hielt ein und richtete seinen Kopf in Richtung Meer. „Ich ahne, dass meine Zeit bald dem Ende schreitet... zumindest als Kopf dieser Handelsfamilie. Der Transport der Waren ist mittlerweile sehr viel fortgeschrittener geworden und Handel zwischen den Halbinseln ist mittlerweile Standard geworden. Für so etwas bin ich nicht gemacht. Zumindest nicht in dieser Häufigkeit.“
      „Aber diese Angelegenheiten könntet ihr doch Mutter überlassen!“ Ich habe nie verstanden, weshalb Vater dies gesagt hat. Auch jetzt verstehe ich es nicht. „Gerade wo sie selten zuhause ist, hatte sie die Zeit genutzt, um eine gefürchtete Verhandlungspartnerin zu werden. Seid ihr mit ihrer Arbeit nicht zufrieden?“
      Ein weiteres Mal nahm Vater etwas von seinem Tee. Obwohl ich seine Gelassenheit immer bewundert habe, fühlte es sich an, als täte er es absichtlich, um mich auf heißen Kohlen warten zu lassen.
      „Ist es nicht ironisch? Meine Frau, welche eigentlich unseren Nachfolger gebären sollte, hat mehr Interesse daran, sich im Handelsleben zu etablieren. Ihretwegen habe ich einen talentierten Jungen von der Straße geholt. Aber sie hat sich dem Handelsleben zugeschrieben, ihre alte Liebe damit ersetzt. Vielleicht hätte ich sie doch an ihre Rolle erinnern sollen. Frauen, die keine Kinder gebären, vernachlässigen die Rolle ihres Geschlechts.“
      Für einen kurzen Moment wurde mir schlecht. Eine sehr unangenehme Erinnerung kam mir hoch, von der ich mir wünschte, man könnte sie löschen. ~Kuraiko...~ dachte ich mir. ~Warum musstest du auf diese Weise von uns gehen...~
      Stillschweigend aß ich weiter. Der Hunger, genauso wie das Interesse am Gespräch, war verflogen. Vater machte keine Umstände, die Konversation erneut aufzunehmen. Es war eine unangenehme Situation, doch zumindest war es ruhig.
      Mitten während einer Reisschüssel stand Vater auf. „Es scheint, als bräuchtest du etwas Zeit für dich. Falls du noch sprechen möchtest, solltest du auf das Mittagessen warten. Du weißt, ich mache meine Inspektionen gerne ungestört.“ Daraufhin verließ er den Salon.
      Ich legte meine Essschale beiseite und versuchte, etwas zu meditieren. Natürlich war mir klar, dass es wahrscheinlich nicht funktionieren wird. Allerdings wollte ich unbedingt versuchen, meinen Geist zu stärken. Mann gegen Mann kümmert es keinen, ob ich einen Nervenzusammenbruch habe.
      Fünfzehn Minuten später hatte ich es aufgegeben. Die Bilder von Kuraiko, wie sie blass auf einer Pritsche liegt, waren nicht verschwunden. Stattdessen begann irgendwas in meiner rechten Kopfhälfte zu stechen. Leider hatte ich keine Ahnung, was ich dagegen tun sollte. So viel mir nichts besseres ein, als mir eine weitere Tasse Tee einzuschenken und einen Schluck davon zu nehmen. Tatsächlich half es. Mein Kopf stach zwar immer noch, aber ich musste schon wesentlich größere Schmerzen ertragen. Als ich daraufhin meine Augen öffnete, sah ich einen Brief auf dem Tisch liegen.
      ~Schwalboss hat sich aber sehr leise bewegt~ dachte ich mir. Sogleich hob ich den Umschlag auf und öffnete ihn mit einem der Schneidemesser vom Tisch. In Nobus krakeliger Schrift stand dort:

      An Little Devil,


      Die ersten Vorbereitungen sind abgeschlossen. Unsere Kontaktmänner sind informiert und werden für uns ihre Aufgaben durchführen. Kehre in zwei Tagen nach Ankunft der Nachricht zur Basis zurück. Nehme einen weiteren Kontakt mit.


      Gez. Gray Man


      ~Nicht schlecht, Nobu. Bei der Schnelligkeit, in der du deine Aufgaben erledigst, sollte man meinen, du hättest ein Drachen-Pokemon in Besitz.~
      Gleich danach zerknüllte ich den Brief und schmiss ihn in das Feuer des Ofens. Die ersten Steine eines großen Abenteuers war gelegt. Ihren Ausgang kannte ich damals nicht und auch jetzt bin ich nicht in der Lage, das Ende voraus zu sehen. Doch während wir auf das Ende warten, kann ich euch erzählen, was sich eigentlich hinter der ganzen Verwirrung verbirgt.
      Mein Name ist Akito Nakashima, und dies ist meine Geschichte.
    • Schön, dass es eine neue Geschichte gibt!

      ich fang gleich mal an!

      Stil: Solide. Liest sich schon ganz gut und rund. Du bemühst sich sehr um abwechslung und einen spannenden Satzbau, was dir meistens auch gelingt. Manche standartworte wie "ging" benutzt du im ersten Absatz sehr viel.

      Sanchez619 wrote:

      Daraufhin ging er in die Versammlungshalle und zum Glück war es Nobu und niemand anderes, der mit diesem Anblick als Erste(r) in Kontakt geriet.
      hier z.b. warum nicht sowas wie "Daraufhin verließ er den weiträumen (oder wie aussieht :'D) Flur und betrat die Versammlungshalle. Zum Glück war es Nobu und niemand Anderes, der mit diesem Anblick als Erster in Kontakt geriet."
      Sonst gibt es nicht viel allgemeines zu beanstanden, ein paar Formulierungen klingen noch nicht ganz rund, da ist noch potential nach oben, aber ein par Beispiel-Details dazu folgen. :O
      Weitermachen!


      Hast du einen Betaleser für die Geschichte? Viele Fehler ordne ich unter leichtsinns- oder Tippfehler ein. :O

      Ab und zu hast du Zeit- und Pluralfehler drin wie z.B:

      Sanchez619 wrote:

      Zwar war er kein gefühlsroher Mensch, aber seit dem Vorfall mit Kuraiko hat er... sagen wir Probleme mit Pokemon.
      hatte er ... sagen wir, Probleme mit Pokemon.
      Die Gegenwart der Vergangenheit ist das Plusquamperfekt :O

      Sanchez619 wrote:

      Als er den Hof betritt, fand Nobu ein erstes beunruhigendes Zeichen:
      betrat

      Sanchez619 wrote:

      Es war nicht mal irgendwelche neue Details drin.
      waren

      Sanchez619 wrote:

      Er hielt ein und richtete seinen Kopf in Richtung Meer.
      er hielt inne
      klingt irgendwie runder :)

      Sanchez619 wrote:

      Ich ahne, dass meine Zeit bald dem Ende schreitet
      Das klingt etwas unvollständig... vllt. "bald dem Ende entgegen schreitet" oder "sich dem Ende neigt?"

      Sanchez619 wrote:

      Mitten während einer Reisschüssel stand Vater auf.
      Was? D: Während Protagonist eine Reisschüssel mampft steht der Vater auf? Oder steht er auf während er selbst noch Reis in der Schüssel hat? Sinn und Grammatik erschließen sich mir hier irgendwie nicht O_O

      bei den formellen Ansprachen und dem Ihrzen ziehst du das Großschreiben von "Sie", "Ihr", "Euch" ect. nicht durch :P


      Story:
      Sehr interessante Story und Welt, die du uns da schmackhaft machst. Positiv fällt auf, dass du die Politik schön eingebettet hast und den Leser langsam an die Charaktere heranführst. Du klatscht einem keine Charaktereigenschaften an den Kopf, sondern zeigst, dass sie diese Eigenschaften haben, erklärst die Charaktere, gibst ihnen Tiefe, sehr schön!
      Was mich nur zweifeln lässt: Wochenlang ist die Akadamie, die den GROßTEIL der Trainer ausbildet im wahrsten Sinne des Wortes tot und keiner Sau kam das so lange komisch vor?
      Protagonist ist also Nachfolger eines Geschäftsmann, der eigentlich Mönch werden sollte. (Warum sollte? )
      Und was hat die Schnelligkeit, Aufgaben zu bewältigen, mit Drachen-Pokemon zu tun? *think *
      Tatsächlich muss das ein sehr unauffälliges Schwalboss gewesen sein, dass den Brief gebracht hat O:

      Aber: Einen Schönen Kliffhänger hast du da gemacht. Sehr schön. Da ist man natürlich gespannt darauf, was das für eine Aufgabe war, warum Aktio Aufgaben verteilt und Briefe verbrennt. Was das große Abenteuer ist und warum sie gerade auf das Ende warten - und wo.
      Bin gespannt auf mehr. Hoffe, dass ich (wie bei so vielen x.x) dabei bleiben kann.

      Hoffe, mein Kommentar hat dir geholfen :)

      Fangeschichten #f-sandan# Lesecke #f-sandan# RedaktionSchreibworkshop #f-icognito-!# Lesezirkel
      Zzt krank und nicht verfügbar - Hand OP am 4.3.2019
    • Kapitel 1 - Ein wohlklingender Auftakt





      „Uuurgh... lang halte ich das nicht aus, Kinrou. Normalerweise bin ich gewohnt, dass Nobu überpünktlich ist. Allerdings warten wir jetzt schon mehr als zwei Stunden auf ihn.“
      Es war eine schlechte Ausrede. Tatsächlich hatte sich Nobu verspätet. Allerdings wusste ich schon, dass sein Schiff erst diesen Abend kommen wird. Nur hatte ich keinen Plan, was ich in der Situation ziehen sollte. Deswegen rede ich nicht gerne darüber, dass ich mit meinem Lucario Shogi spiele. Meistens geht es nämlich mit einem Sieg für Kinrou aus. Es war an jenem Tag nicht anders.
      Ihr spielt noch unkonzentrierter als sonst, Meister“, sagte er. „Wie ich Euch schon sagte: Nur das Hier und Jetzt zählt. Die Besprechung findet erst heute Abend statt.“
      Als er dies gesagt hatte, machte er seinen Zug. Sein Springer schlug meinen Silbergeneral. Kein guter Tausch. Meine Bauern auf dem Läuferflügel waren nun unter Beschuss von Turm und Lanze. Es half nicht gerade, dass ich meinen König dort untergebracht habe. Zwei Minuten vergingen in kompletter Stille, verzweifelt nach der Suche nach einem Plan. Leider fand ich keinen.
      So ging das Spiel ohne viel Gegenwehr an Kinrou. Die zwei Matches davor hatte er auch gewonnen, daher schlug ich vor: „Lass uns doch bitte für heute Pause machen! Mein Kopf brennt schon förmlich.“ Wortlos stimmte Kinrou zu. Seine Ruhe war ein guter Ausgleich zu meiner hitzköpfigen Natur. Wahrscheinlich hatte Vater deswegen ihn zu meinem Begleiter gemacht.
      Etwas frustriert legte ich die Spielsteine zurück in ihre Schatulle. Genau in diesem Moment klopfte es an der Tür und ein zartes Stimmchen sprach: „Kann ich hereinkommen, großer Bruder? Ich habe für uns beide Tee gemacht.“
      Genau die Person, die ich in dem Moment benötigt hatte. „Komm ruhig herein, Emi.“

      Die Tür ging auf. Herein kam ein Mädchen wie aus einem Märchenbuch. Weiße Haut, lange, blonde und gelockte Haare, hellblaue Augen... Ihr versteht mich, nicht wahr? Mir wurde schon oft gesagt, dass ich über meine Schwester rede, als ob sie meine Verlobte wäre. Tatsächlich wünschte ich mir manchmal, dem wäre so...
      „Ach, ihr habt Shogi gespielt?“, fragte sie. „Es ist immer faszinierend, Leuten bei dem Spiel zuzuschauen. Leider fehlt mir für Shogi die Zeit zu üben.“ Emi stellte die Teeplatte auf den Tisch und schüttete die zwei Tassen voll. Währenddessen stand Kinrou auf.„Ich ziehe mich nun zurück. Falls ihr mich braucht, wisst ihr, wo ihr mich findet, Meister.“
      Stracks stand er auf und verließ den Raum. Irgendwie machte mich das stutzig. Kinrou war normalerweise nicht so abweisend, erst recht nicht gegenüber Emi. Dies lief schon seit etwa einem Monat so, ungefähr seit dem stillen Massaker.
      „Verhält er sich auch schon anders?“, sorgte sich Emi. „Scheinbar spüren die Pokemon, was in Skyward passiert ist. Asahi ist mittlerweile sehr furchtsam. Sie traut sich nicht mehr zu anderen Menschen, mich ausgenommen.“
      „Ob es direkt mit Skyward zu tun hat, wissen wir noch nicht“, war meine Antwort. „Dennoch gebe ich dir recht, darin, dass die Pokemon seit einiger Zeit verunsichert wirken.“ Daraufhin nahm ich die Teeschale und nahm einen großen Schluck. Die Kräutermischung schmeckte wirklich gut. Eigentlich trinke ich Tee nur der Etikette halber, aber das Rezept, welches Emi benutzte, war wirklich exzellent
      „Wirklich praktisch, dass du dir die Teezubereitung von Matsuri hast zeigen lassen. Die ganze Zeit schwarzen Tee trinken zu müssen, ist nicht die beste Aussicht.“
      „Du hast recht, großer Bruder“, meinte sie. „Vor allem jetzt, wo Matsuri wieder bei ihrer Familie ist. Na ja, weil... wegen...“
      Emi stockten die Worte. Sie sprach nicht gerne über den Tod; er erinnerte sie an ihren verstorbenen Bruder Shinichi. Daher war Emi auch sehr betroffen, als sie erfuhr, dass der Bruder unseres Dienstmädchens Matsuri unter den Opfer der Skyward-Akademie war.
      Allerdings hatte ich keine Lust, ein ernsthaftes Gespräch mit Emi zu führen. Dies würde sie ohnehin nicht aufheitern. Trotzdem weiß jeder, der meine Schwester auch nur ein wenig kennt, was sie immer fröhlich macht.
      „♪O nuit, viens apporter a la terrae...♪“
      Zunächst schien Emi etwas beleidigt. Sie merkte, dass ich vom Thema ablenken wollte. Dennoch stimmte sie schnell in das Lied mit ein. Im Duett erfüllte unser Klang den gesamten Raum – ihre Stimme natürlich wesentlich schöner als meine. Eine bezaubernde Stimme für ein bezauberndes Mädchen. Als das Lied zu Ende war, beschlossen wir, etwas durch den Garten zu gehen. Dort redeten wir eine gute Weile über die bevorstehende Reise...

      „Sind alle anwesend? Gut, dann können wir anfangen.“
      Die Abendsonne erhellte den Himmel Zantos. Keine einzige Wolke war zu sehen, als das Team in der Schiffskajüte seine Besprechung begann.
      „Zunächst mal möchte ich betonen, dass alles, was in diesem Raum besprochen wird, nicht an weitere Personen übermittelt wird. Die anderen drei Handelsfamilien werden es nicht gerne sehen, wenn ihr auf ihrem Gebiet spioniert.“
      Vater sprach hier eine allgemein bekannte, aber äußerst wichtige Sachlage an. Vor fünfzig Jahren, als man nach fast hundert Jahren den Inselkomplex Zanto endlich erschlossen hatte, wurden die vier großen Handelsfamilien – Nakashima, Hasegawa, Koizumi und Fujimoto – mit der exekutiven Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet ausgestattet. Ohne ihre finanzielle Unterstützung wäre nämlich die Besiedelung Zantos nicht möglich gewesen. Seitdem ist es eine inoffizielle Vereinbarung, dass kein Mitglied einer Handelsfamilie im Gebiet eines anderen aufhält. Die Ausnahme stellten geschäftliche Beweggründe dar.
      „Nun zu eurem Auftrag: Wie ihr wisst, wurde vor einem Jahr die Pokemon-Akademie Skyward von einem unbekannten Unheil heimgesucht. Alle Schüler, Lehrer und Pokemon sind verstorben und keiner weiß, wie. Die Körper sind zum Großteil nicht verwesen, aber alle Lebensanzeichen sind wie weggeblasen. Wie der Rest Zantos bin ich natürlich sehr besorgt, dass solch ein Ereignis nochmals passieren könnte. Daher möchte ich der Sache auf den Grund gehen.“
      Damit war Vaters Ansprache zu Ende. Nun war ich an der Reihe, meinen Begleitern in die Details unserer Mission einzuweihen.
      „Was jedoch viele Leute nicht wissen: Zwei Schüler haben überlebt, die Gebrüder Sirius und Felix Elric. Sie waren zu jenem Zeitpunkt auf Zandorin unterwegs – der westlichen Insel Zantos. Seitdem hat sie jedoch niemand gesehen. Dass sie noch leben, ist nicht wahrscheinlich. Nobu konnte allerdings ein Dokument bergen, welches uns den Zielort der beiden gab.“
      Daraufhin legte ich das Dokument auf den Konferenztisch. Es war eine Beurlaubung für einen Forschungsaufenthalt in den Bergen von Rudrekon. Weshalb man sie dort alleine hinschickte, ist mir allerdings immer noch schleierhaft.
      „Bevor wir uns dort hinbegeben, werden wir uns allerdings zuerst mit der Fujimoto-Familie treffen. Das Rudrekon-Gebirge liegt in ihrem Bereich. Ihre Genehmigung sollten wir sehr einfach bekommen. Mit ihren beiden verstorbenen Eltern ist nämlich die Tochter Ayumi gerade das Oberhaupt, einen männlichen Erben gibt es nicht. Daraufhin werden wir gleich zu den Rudrekon-Gebirgen aufbrechen. Dort werden wir nach Hinweisen auf den Verbleib der Elrics suchen. Soweit zunächst mal der Plan.“
      Es war ein komisches Gefühl, so formal sprechen zu müssen. Von den Leuten, die anwesend waren, kannte ich bis auf eine Person ja alle persönlich. Ein Mann der Etikette werde ich wohl nie werden.
      Zuletzt ergriff Vater noch einmal das Wort: „Gut, damit wäre der Planung zunächst mal abgeschlossen. Nun möchte ich nochmal alle Teilnehmer der Operation aufrufen. Dies ist gleichzeitig für euch die letzte Gelegenheit auszusteigen, falls ihr euch der Operation nicht gewachsen fühlt. Erwidert ihr meinen Aufruf, werdet ihr meine beiden Kinder bis zum Ende der Operation begleiten und beschützen. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?“
      Die Atmosphäre war nun etwas angespannter. Mein Vater ist zwar für seine Güte bekannt, allerdings erwartete er strenge Loyalität. Alle wussten: Ab hier gibt es kein zurück.
      „Matsuri Shimizu.“ „Ja, Mylord. Zu Euren Diensten.“
      Bevor ihr fragt: Ja, das war diese Matsuri; die Dienstmagd von Emi und mir. Eigentlich stand die Trauerfeier für ihren Bruder noch aus. Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, was für einen Stellenwert Matsuri bei ihren Eltern inne hatte.
      „Minoru Yamashita.“ „Jawohl, Sire!“
      Ein weiterer unserer Angestellten. Er ist in einer ähnlichen Lage wie Matsuri. Allerdings hat seine Familie fünf weitere Kinder zu ernähren, weshalb er schon früh mit dem Verdienen anfangen musste. Schade eigentlich. Er ist ein ziemlich fixer Typ.
      „Kana Endou.“ „Mit Vergnügen, Mylord!“
      Die wohl einschüchterndste Persönlichkeit im ganzen Raum. Kana war im ganzen Land als eine der besten Schmiede Zantos bekannt. Wofür sie allerdings noch bekannter war, ist ihr feuriges Temperament. Eigentlich hatte ich keinen Plan, weshalb sie mitkommen sollte. Für Verschwiegenheit war sie nicht wirklich bekannt.
      „Und zuletzt: Naoki Anzai.“ „Verstanden, Sir Nakashima.“
      Dieser... „Junge“, wie ich ihn mal nenne, war der Kontakt, den Nobu in dem Brief erwähnt hatte. Obwohl man es ihm nicht ansah, war er sehr erfahren in der Gegend um Rudrekon. Weiterhin war er anscheinend ein sehr erfahrener Wanderer, auch wenn er eher wie ein Model aussah.
      „Somit haben alle meinen Auftrag angenommen. Euer Einsatz ehrt mich.“ Mit diesen Worten erhob sich Vater. „Hiermit beginnt nun eure Mission. Ab sofort steht ihr unter dem Befehl meines Sohnes. Ich bete für euer Sicherheit. Gute Reise.“

      @Isanya: Danke für die ganzen Verbesserungen. Ja, ich hab leider keinen Betaleser. Falls du jemanden kennst, der mir da aushelfen könnte, wäre das sehr gut.
      Ansonsten: Lass dich überraschen. Ich hab einige Themen in den derzeitigen Plot in Planung, aber ich möchte mal dies hier zu einer Übung machen, regelmäßig zu schreiben. Von daher kann es gut sein, dass es nicht die brillianteste Umsetzung wird. :>
    • Kapitel 2: Ein gebrochenes Herz


      Für mich war jene Nacht nicht gerade erholsam. Das Bett war nicht das Problem. Wenn man mal auf der Straße gelebt hat, kann man überall schlafen. Doch irgendwas störte mich an unserer Reise. Aus dem Nichts traten auf einmal Selbstzweifel auf. Was, wenn ich die zwei nicht finde? Was, wenn unser Auftrag auffliegt? Solche Suchaktionen sind normalerweise der Regierung vorbehalten; vor allem die vier Handelsfamilien würden bei einem Vergehen schwere Strafen verfolgen. Da sie jeweils als Gouverneure von einem der vier Bundesstaaten Zantos tätig waren, war es ihnen strengstens untersagt, sich politisch in die Angelegenheiten anderer Bundesstaaten einzumischen.
      Meine Unruhe ließ mich die ganze Nacht nicht schlafen. Nach gefühlten zwanzig Versuchen, die Schafe zu zählen, begab ich mich schließlich aufs Schiffsdeck. ~Wenigstens stecke ich hier nicht in einer stickigen Schiffskabine fest. Dabei ist meine noch vergleichsweise angenehm.~
      Noch waren es etwa ein bis zwei Stunden, bevor die Sonne aufgehen würde. Der Seegang war relativ ruhig; eine leichte Brise brachte das Schiff in Richtung Mizubion. Ich lehnte mich gegen die Reling und blickte hinaus auf das Meer.
      Nach einiger Zeit – fragt mich nicht, wie lange – merkte ich schließlich, dass sich jemand zu mir gesellt hatte. Zuerst hatte ich gedacht, dass es Matsuri wäre. Sie hatte ebenfalls sehr schönes Haar in einem sehr dunklen Braun. Doch die Stimme war definitiv nicht ihre.
      „Könnt ihr auch nicht schlafen, Akito? Für mich ist die See nichts. Ich brauche Land, egal ob Wüste , Wald oder Gebirge. Einen festen Stand im Leben zu haben, ist auch als Abenteurer sehr wichtig.“
      Zunächst war ich mir unsicher, was ich erwidern sollte. Eigentlich vertraue ich Nobu wie keinem zweiten Menschen auf der Welt. Allerdings konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieser Naoki uns groß helfen sollte. Dafür, dass er hauptsächlich in der Natur lebte, sah er ziemlich schmächtig aus. Man kann sich eben nicht immer seine Gefährten aussuchen.
      „Keine Ehrentitel bitte! Ich bin kein Mann der Formalitäten. Und nein, ich kann tatsächlich nicht schlafen. Keine Ahnung warum.“
      „Kann ich kurz dein Gesicht sehen? Wenn man krank ist, merkt man einen feinen Unterschied in der Mimik. Ein geschultes Auge kann sogar ungefähr einschätzen, wo die Krankheit liegt.“
      ~Ist das dein Ernst? Soll ich etwa noch direkter mit dem Zaunpfahl winken?~ In jenem Moment hatte ich meine „Lass mich in Ruhe!“ Stimmung benutzt. Angespannter Gesichtsausdruck und Körperhaltung, generelle Abwendung, Desinteresse... Normalerweise reichte dies, um selbst den unaufmerksamsten Persönlichkeiten zu zeigen, dass ich nicht reden möchte. Bei Naoki war dies jedoch nicht der Fall. Er schien sehr schnell Vertrauen zu anderen Leuten aufzubauen. Etwas zu schnell.
      „Es passt schon. Ich möchte gerade nur etwas allein sein. Ein allzu geselliger Mensch bin ich nicht.“
      Daraufhin kletterte ich über das Schiffstau in das Krähennest. Meist wurde es nicht benutzt; Piraten oder gefährliche Wasser-Pokemon waren in Zanto nicht üblich. Allerdings bestanden die meisten Schiffskonstrukteure darauf, eines zu bauen. Für mich kam dies gerade gelegen. Ich dachte mir: ~Wenn er wirklich rauf kommt, würde es sich schon sehr penetrant verhalten. Das muss ihm doch klar sein.~ Und das war es auch. Etwas verdutzt blieb Naoki auf Deck, schaute ein wenig zu mir hoch, ging allerdings dann zurück in seine Kabine.
      Später sagte er mir, ich hätte an chronischen Schlafmangel gelitten. Tja, Naoki ist eben ein sehr spezieller Fall gewesen, und diese kleine Gespräch war der Beginn einer sehr speziellen Beziehung.
      Endlich alleine setzte ich auf den Boden des Krähennests. Ironischerweise wurde ich in diesem Moment extrem müde. Vergeblich kämpfte ich dagegen an, aber nach etwa fünf Minuten übermannte mich der Schlaf.


      Als ich schließlich meine Augen öffnete, war die Sonne schon über den Osten hinweg gegangen. Immer noch recht benommen rieb ich mir meine Augen und stand auf. Zu meiner Überraschung lag ein Bündel ordentlicher Kleidung direkt neben mir. Anscheinend war Matsuri den Mast hinaufgeklettert, nur um mir etwas Kleidung zu bringen. Typisch Matsuri. Nur sie würde in den absurdesten Situationen ihre Arbeit verrichten. Natürlich ordentlich und unbemerkt.
      Etwas schmunzelnd zog ich mich um und kletterte zurück aufs Deck. Dort saßen die anderen schon beim Mittagessen. ~Verdammt! Habe ich so lange geschlafen? Ich sollte mich mal beeilen.~ Anscheinend hatte der lange Schlaf meinen Hunger geweckt. In Blitzesschnelle rannte ich vor zum Bug und sah die Truppe recht fröhlich am Speisen. Selbst Naoki machte den Eindruck, als wäre er seit Ewigkeit ein Teil des Teams gewesen. Eigentlich wollte ich die anderen nicht beim Essen unterbrechen, doch Matsuri erfüllte mal wieder ihre Arbeit, auf meine Kosten.
      „Es freut mich, euch zu sehen, Lord Akito. Ich hoffe, ihr konntet schlafen, selbst auf der Schiffsaussicht oben.“
      „Was? Unser Herr Meisterdieb hat im Krähennest geschlafen?“ Das schallende Gelächter Kanas schmetterte über das ganze Deck. Als Schmiedin war sie gewohnt, sich mit ihrem Organ gegen ein lautes Arbeitsumfeld durchsetzen zu müssen. „Tja, man merkt einfach, dass du kein Adliger bist.“
      „Wirst du wohl endlich aufhören, Lord Akito zu drangsalieren, Kana?!“
      Diese Worte konnten nur von Minoru kommen. Als einer der Sekretäre meines Vaters wurde er auf Exaktheit getrimmt. Professionalität war sein Markenzeichen. Wie das Verhältnis zu ihm und Kana war, könnt ihr euch bestimmt vorstellen...
      „Lass gut sein, Minoru“, war meine prompte Antwort. „Wir beide wissen, dass sich Kana nicht von ihrer Meinung abbringen lässt. Du könntest mir allerdings helfen, wenn du mir etwas zu essen hinüber reichst.“
      Einen Augenblick später hatte ich eine ganze Portion an meinem Platz. Etwas verdutzt, aber dafür umso hungriger nahm ich sofort die ersten Bisse. Währenddessen Langsam ging das Tischgespräch seinen eigentlichen Kurs weiter. Quer über den Tisch berichteten Kana, Naoki und Emi über ihre Erlebnisse in letzter Zeit. Alle waren bei guter Laune, und das machte auch mich wieder etwas munter.
      Kurz bevor ich meinen meine Portion aufessen konnte, hatte der Neue unter uns wieder eine geniale Frage parat: „Ich möchte nicht unhöflich sein, Akito. Allerdings hat Kana-san vorhin eine interessante Bemerkung bemacht. Sie nannte dich einen Meisterdieb. Kannst du mir erklären, was dies für eine Bedeutung hat?“
      Mit einer Frage hatte Naoki den gesamten Tisch zum Schweigen gebracht. Ehrlich gesagt war ich auch überrascht, wenn auch nicht unbedingt sehr. Eigentlich hatte ich gedacht, dass man nicht in Zanto leben und gleichzeitig meine Geschichte nicht kennen kann. Zumindest oberflächlich.
      „Sie meinte damit, dass ich kein eigentlicher Nakashima bin. Vor etwa sechs Jahren wurde ich von Vater aufgenommen. Seitdem leben er und Mutter getrennt.“
      Das war natürlich die Kurzversion. Keiner, nicht einmal Emi kannte meine Geschichte mit Nobu und Kuraiko. Wir drei waren Ausgesetzte – Kinder ohne Eltern oder Erzieher. Dies ist in Zanto gar nicht so unüblich. Zwar ist die Nahrungsproduktion ausreichend, aber oft haben vor allem ärmere Familien Probleme, all ihre Kinder zu ernähren. Kommt dann noch ein Neugeborenes – wie es Nobu und ich anscheinend waren – wird es knapp. Wenn man sich allerdings eines Neugeborenen entledigt, wer kann dann sagen, von wem es stammt? Wir drei teilten dieses Schicksal. Ich hatte das Glück, ihm entkommen zu können. Dadurch konnte ich auch Nobu von der Straße holen. Was Kuraiko angeht... Nein, tut mir leid... Diese Geschichte muss warten...
      Also... wo war ich? Ach ja, Naoki und seine Frage nach meiner Vergangenheit. Eigentlich dachte ich, dass er weitere Fragen hätte. Dem war aber nicht so. Stattdessen aß Naoki einfach weiter. Immerhin musste ich keine großen Epos um meine Herkunft erfinden. Ohne weitere Vorfälle aßen wir, bis jeder satt war. Den restlichen Tag verbrachte jeder nach seiner Laune. Emi ließ sich von den Matrosen ein paar Shanties zeigen, Minoru und Naoki waren im Gespräch vertieft, Kana werkelte an ihren Werkzeugen und Matsuri... Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo sie war. Sie war nicht auf ihrer Kabine und an Deck konnte ich keine Spur von ihr finden. Da meine Spürnase ihr nicht auf die Schliche kam, bat ich ihr Pokemon – ein Pixie mit dem Namen Alexandra um Hilfe. Doch im Gegensatz zu ihrem Trainer war Alexandra nicht gerade folgsam. Ich hätte den ganzen Nachmittag sie anbetteln können; sie hätte mir nichts gesagt. Genervt machte ich den Rückzug. Oder zumindest dachte ich das, denn in dem Moment stand Kinrou vor mir und starrte in Richtung Krähennest...


      Langsam wurde das Sonnenlicht rot. Auch wenn der Frühling schon vor mehreren Wochen Einzug gehalten hatte, wurde es gegen Abend herum kühl. Glücklicherweise hatte ich meine Weste und mein Hemd noch an. Ich konnte ja Matsuri, die nur ihre Magduniform trug, nicht erfrieren lassen. Allerdings war es mehr als nur das...
      Langsam öffnete sie ihre Augen. Die Müdigkeit war ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. So langsam frage ich mich, wie ich das am Tag zuvor übersehen konnte.
      „Lord... Akito... Wo sind wir...“
      „Oben auf dem Mast. Mein Lucario hat mir verraten, wo du dich versteckt hast. Geht's dir gut?“
      Die Frage war unnötig. Wer genau hinsah, konnte nämlich Tränenstreifen auf ihrem Gesicht entdecken, ganz zu schweigen von den ganzen Flecken auf ihrer Schürze.
      „Du hättest nicht mitkommen sollen, Matsuri. Ich weiß, wie tüchtig du bist. Aber meinst du nicht, dass du gerade bei deiner Familie sein solltest?“
      Matsuri antwortete nicht. Ihr Gesicht wurde aschfahl und ihr Atem wurde flacher.
      „Ich... Ich kann nicht... zurück. Ich... ich... ich...“
      Es kam keine Tränen aus ihren Augen. Matsuri wollte weinen, doch sie konnte es nicht. Schweigend nahm ich sie in den Arm. Eigentlich untypisch für mich; ein großer Gefühlsdusel war ich nie. Allerdings gibt es Situationen, in denen alles, was man sagen könnte, unangebracht wäre, und dies war eine solche Situation.
      Später erfuhr ich von Minoru, dass ihre Eltern sie verstoßen hatten. Anscheinend beschuldigten sie Matsuri, schuld am Tod ihres Bruders zu sein. Fragt mich nicht, warum...
      Glücklicherweise heulte sie nicht. Man hätte es bestimmt auch auf Deck gehört, und ich hatte keine Lust auf Gaffer, während ich mich um mein Dienstmädchen kümmerte. Und auf die dummen Fragen einiger Matrosen.
      Für einige Minuten standen wir zwei einfach nur da, Matsuri in meinen Armen. Allerdings kroch die Kälte langsam doch unter meine Kleidung. Weil ich nicht erfrieren wollte, meinte ich schließlich:
      „Es wird kühl hier oben. Wir sollten zurück aufs Deck klettern.“
      „Ja, Lord Akito...“
      Matsuris Stimme war immer noch schwach. Sie hatte ihre Situation immer noch nicht verdaut, wie denn auch? Ihr Bruder tot, von den Eltern abgewiesen und trotzdem machte sie ihre Arbeit, als ob nichts gewesen wäre...
      „Matsuri, hör mir bitte zu: Wenn wir morgen in Mizubion anlegen, wirst du sofort in das nächste Geschäft gehen und dir ein paar eigene Kleider kaufen. Ich möchte dich nicht in deiner Uniform sehen. Dass du zuverlässig bist, weiß ich auch so. Von nun an bist du eine Gefährtin, keine Untergebene. Es wird nämlich Zeit, dass du lernst, auf eigenen Füßen zu stehen.“
      „Aber... Lord Akito...“
      „Kein Aber!“ Die Worte waren etwas schroffer, als sie eigentlich sein sollten. „Ich will, dass du mich als einen Freund siehst, nicht als einen Vorgesetzten. Ich will, dass du weißt: Ich lasse dich nicht im Stich. Ich will, dass du mir vertraust.“
      „Das tue ich... Lord Akito... Danke...“
      Wortlos gab sie mir den Mantel zurück und kletterte zurück aufs Deck. Ich folgte ihr aber nicht. Irgendwie glaubte ich, Matsuri etwas Abstand geben zu müssen. Ein ernsthaftes Gespräch war nicht genug, um sie aus ihrem Tief zu holen. Doch leider bin ich kein Seelsorger, sowas kann ich nicht...

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    • Kapitel 3: Mizubion, das Land der versteckten Quellen


      Nach diesem ganzen Theater konnte ich glücklicherweise sehr gut schlafen. Scheinbar hatte ich über die Probleme von Matsuri meine eigenen vergessen. Trotzdem stand ich gewohnt früh auf. Eine der wichtigsten Regel, die man auf der Straße lernt: Sei früher auf als diejenigen, die ein Dach über dem Kopf haben. Den vor allem in den Morgenstunden waren bestimmte Leute nicht gerade aufmerksam und luden riefen gerade: „Hey! Ich bin leichte Beute! Kommt und macht meine Taschen leichter!!“ Nun war es nur noch eine schlechte Angewohnheit, mit der ich anderen Leute um ihren Schlaf brachte.
      Ein weiteres Mal ging ich an Deck. Dieses Mal war und blieb ich zum Glück alleine. Hätte mich Naoki in jener Nacht wieder angesprochen, hätte ich ihn sicherlich über Bord geworfen. Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis unser Verhältnis sich verbessern würde.
      Schon auf den ersten Blick sah ich Mizubion. Die Halbinsel, die unter der Leitung der Fujimoto-Familie stand, ist für ihre reichen Grundwasserreservoire berühmt. So konnte dieser recht trockenen Teil Zantos erstaunlich gute Ernten einfahren. Allerdings sah man es nur aus weiter Ferne. Schätzungsweise würden wir noch bis Nachmittag an Bord bleiben müssen.
      Die Stille war wirklich ein Segen. Obwohl der ersten Tag der Schiffsfahrt nicht anstrengend für mich war, hatten Naoki und Matsuri mich ziemlich auf Trab gehalten.

      Während ich in meinen Gedanken versunken war, erschien auf einmal der Schatten eines Vogels im Mondlicht. Er flog auf unser Schiff zu. ~Huh. Ich kenne nur einen Vogel, der während der Nacht über den Ozean fliegt. Wenn das nicht Hawkeye ist, weiß ich auch nicht weiter...~
      Tatsächlich war es das Schwalboss meines guten Freundes – wie immer mit einem Brief im Schlepptau. Ich hatte es vorhin vergessen zu sagen, aber Nobu war nicht mit uns mitgekommen. Stattdessen war er auf dem Weg zur Hauptstadt und spähte für mich einige Politiker der Sozialdemokratischen Partei Zantos (SPZ) aus. Es war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar, weshalb ich ihm den Auftrag gegeben hatte. Allerdings sagte mir mein Bauchgefühl, dass sich unter der Opposition etwas zusammen braute. Denn gerade zu dem Zeitpunkt, wo viele Leute gegen die Regierung hetzten, hatte die SPZ die Gelegenheit, sich politisch zu verstärken.
      ~Mal sehen, ob Nobu schon etwas herausgefunden hat.~
      Ich riss den Umschlag auf. Im selben Moment fiel ein kleiner Zettel heraus, der mir fast durch die Finger geglitten wäre. ~Ein Zeitungsartikel?~
      Unser Dieb – der Finanzminister Kobayashi?

      [Tochou,Tenbion] In einer Zeit der allgemeinen Kritik kommt die Regierung weiter unter die Räder. Erst gestern Nachmittag wurde der Finanzminister Kensuke Kobayashi an seinem Haus in […] festgenommen. Angeklagt wird er wegen Veruntreuung von Finanzpaketen, welche der Bundesstaat Mizubion zugekommen wären. Als Indizien für das Vergehen Kobayashis sollen angeblich einige Verträge, welche den Kauf einer Schiffsladung Eisen dokumentieren sollten. Eine solche Ladung würde schätzungsweise etwa 350.000 Helion kosten.
      Yamato Suzuki, Sekretär des Finanzminister weist die Anschuldigungen zurück: „Diese Dokumente sind mir nicht bekannt und entspringen nicht unserem Finanzspiegel. Als Sekretär gehört es zu meinen Aufgaben, das Finanzetat Herrn Kobayashis täglich zu überprüfen. Die Abrechnung oder Forderung eines solchen Geldbetrags sind mir nicht bekannt, daher ist die Anklage aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt.“
      Dagegen zeigte sich die Vertretung Mizubions sehr bedient. „Gerade in der anstehenden Hitzeperiode können wir es uns nicht erlauben, auf finanzielle Mittel zu verzichten. Wir hoffen, dass der Sachverhalt so schnell wie möglich geklärt wird.“
      Weiterhin hatte sie angekündigt, die Gouverneurin Mizubions in das Verfahren einzuschalten. Jedoch bleibt die Involvierung von Lady Fujimoto unklar, da sie seit dem Tod ihrer Eltern vor einem halben Jahr noch von vielen Beratern aus ihrer Familie und ihrer Verwaltung vertreten wird...

      ~Nicht die Neuigkeiten, die man hören will. Kobayashi ist Vorstand im Bund der Liberalen Republikaner. Das wird Risegawa nur noch mehr Munition geben.~ Etwas genervt faltete ich das Papier zusammen und steckte es in meinen Mantel. Darauf warf ich noch auf einen Blick auf Nobus Brief:

      An Little Devil,

      Bislang sind noch keine konkreten Informationen zu der Geschichte im Umlauf. Allerdings scheint Kobayashi keine Person zu sein, welche so unvorsichtige Geschäfte tätigt. Ich melde mich sofort, falls sich neue Fakten auftun.

      Gez. Gray Man

      ~In anderen Worten: Die Sache wird noch ein ganzes Weilchen dauern. Nobu schreibt niemals ohne Grund.~ Allerdings hatte ich mich ja auf das Treffen mit der Fujimoto-Familie vorzubereiten. Vielleicht konnte es mir ja etwas Hilfestellung geben.

      Die Sonne hatte den Süden schon überschritten, als wir am Hafen Mizubions ankamen. Es gab zwar durchaus mehrere Häfen für jedes Gouvernat, allerdings war bis auf jeweils einer pro Regierungssitz kaum andere Standorte nennenswert.
      Scheinbar wurde auf uns gewartet. Gleich vor dem Dock warteten nämlich zwei Kutschen – alles Zebritze, zur Anmerkung – auf uns. Einer von den Chauffeuren sah uns sofort rief:
      „Hey, hier drüben! Die Herrin wünscht euch zu sehen, also steigt schon ein.“
      So zerrte er uns alle in seine Gefährte. Zeit für irgendwelche Fragen gab es nicht, auch wenn Minoru natürlich wegen dem Transport des Gepäcks nachfragen wollte. Es gab eine klare Platztrennung – Emi und ich in einer Kutsche und unsere Gefährten in einer anderen. Zwar hätte es genug Platz in unserem Wagen gehabt, aber darum scherten sich die Kutscher keinen Deut. Für den ganzen Aufwand benötigten sie keine fünf Minuten – inklusive Gepäck – und fuhren geschwind in Richtung Shippongi los.
      Die Küstenumgebung Mizubions ist wirklich schön. Hier konnten die Pflanzen noch von selbst an Wasser kommen, weshalb dort einige Bäume inmitten der Grasweiden wuchsen. Emi freute der Anblick besonders. Wahrscheinlich hatten es ihr die ganzen Pokemon angetan, die in der Gegend leben. Die meisten waren recht gängige Pokemon: Zigzachs, Staralili, Strawickl, Raupi... allesamt eher ungefährlich, aber recht zahm.
      Für die erste Zeit ließ ich sie einfach nur den Ausblick genießen. Dann fragte sie mich:
      „Ach ja, Akito. Ich hatte es fast vergessen, dich zu fragen. Wolltest du dir nicht langsam ein neues Pokemon zulegen? Als Trainer solltest du ja in Zanto drei Pokemon haben, bislang hast du aber nur Kinrou als Partner.“
      „So ganz funktioniert das nicht, Emi. Du weißt, wie viel Aufwand es ist, ein Pokemon versorgen zu müssen. Jetzt stell dir mal vor, ich hätte drei. Das würde den Rahmen ziemlich sprengen.“
      „Oh... ach so...“ Die Antwort war nicht gerade zu ihrem Geschmack. Allerdings wollte ich ihre Laune nicht herunterziehen, deswegen meinte ich: „Keine Sorge, Schwesterherz. Mindestens einen Begleiter werde ich mir zulegen. Auch für dich suche ich einen, okay?“
      „Wirklich?“ Der Gesichtsausdruck meiner Schwester änderte sich schlagartig. Wären wir nicht in einer Kutsche, hätte sie mich wahrscheinlich angesprungen – eine ihrer Angewohnheiten, wenn ich ihr ein Geschenk brachte. Stattdessen verbeugte sie sich leicht. „Vielen Dank, großer Bruder!“
      „Mach ich doch gern. Pass aber auf, dass deine Asahi nicht neidisch wird, in Ordnung?“ Ihr Vivillon hatte sich in der Zeit auf ihrer linken Schulter ausgeruht. Zumindest war der Schmetterling nicht allzu schwer, ansonsten hätte sie sich wahrscheinlich die Schulter ausgekugelt.
      „Da fällt mir ein: Haben eigentlich die Pokemon der anderen überhaupt Platz? Die Kutschen sind zwar nicht gerade klein, aber vor allem Minoru sollte etwas Probleme mit seinen Begleitern haben.“
      „Meinst du? Matsuri und Kana haben jeweils nur ein Pokemon, Pixi und Resladero. Die sollten ganz gut Platz haben. Sofern ich weiß, hat Minoru sein Stahlos gar nicht mitgenommen, nur Blanas und Staraptor. Naoki hat kein Pokemon, hat er mir gesagt.“
      ~Warum er gerade nicht?~ Zu dem Zeitpunkt hätte mich jede Aussage über ihn geärgert. Allerdings wollte ich nicht länger auf die Frage eingehen, also lenkte ich das Gespräch in eine andere Richtung....


      Zwei Stunden späte waren wir endlich an unserem Ziel angekommen, dem Anwesen der Fujimoto-Familie. Es lag ein paar Kilometer von der Hauptstadt Mizubions entfernt und lag noch in einem Gebiet, wo noch viele Bäume wuchsen. Äußerst prunkvoll war es nicht, aber das Gebäude war groß und sehr gut in Schuss gehalten.
      „Ich darf euch auf dem Grund der Fujimoto-Farm begrüßen“, sagte der Kutscher. „Wie ihr wisst, legen meine Herren großen Wert auf die Pflege und Gesundheit von Pokemon. Daher werdet ihr auf dem Grundstück Pokemon aller Art finden. Ich möchte sie daher bitten, ihre Pokemon in ihrer Nähe zu behalten. Unsere Pokemon reagieren nämlich etwas argwöhnisch auf fremde Pokemon. Wenn ich sie also bitten dürfte, mir zu folgen...“

      Zunächst kamen wir in die Gasthalle. Wiederum, nichts Prunkvolles, aber ausgestattet mit allen Sachen wie Teppichen, Möbeln sowie einigen Fenstern. Außerdem war sie sehr weit. Man kann dort locker einen ganzen Ball schmeißen.
      „Ich darf hiermit bitten, dem Geleit von Lord und Lady Nakashima hier Platz zu nehmen und sich der Speisen zu bedienen. Währenddessen geleite ich Sie zur Herrin...“

      PS: Ich werde in den Tagen ein paar mehr Kapitel posten. Mittlerweile haben sich einige angehäuft, aber aufgrund der miserablen Internetverbindung nicht posten können. Also stellt euch darauf ein, mehrere Kapitel hintereinander zu lesen. :bg2:
    • Kapitel 4: Von Güte und Pistolen


      Den Ausdruck auf Ayumis Gesicht, als wir das Büro des Hauses – nun in ihrem Besitz – betraten, werde ich nie vergessen. Die junge Gouverneurin sah aus, als hätte sie schon tagelang keine Zeit für auch nur die geringste Pause gehabt. Natürlich war das nicht das Schlimmste, was ich schon zu Gesicht bekommen habe. Dennoch war es ein fürchterlicher Anblick.
      Auf den ersten Blick bemerkte sie uns gar nicht. Erst als der Chauffeur uns offiziell vorstellte, sah sie zu uns. „Willkommen...Lady und Lord Nakashima... Es ist eine Freude, euch zu treffen...“
      Sie schob ihre Unterlagen zur Seite. „Takeishi, bitte lass uns allein... Ich habe einige wichtige Dinge... mit unseren zwei Gästen zu besprechen...“ „Sehr wohl, Mylady!“
      Somit waren Ayumi, Emi und ich alleine in ihrem Büro. Dieses Gefühl war ziemlich komisch; es fühlte sich einfach nicht nach einem formalen Gespräch an. Schon allein deswegen nicht, weil ich mit 18 Jahren der Älteste im Raum war.
      Dennoch verliefen die Verhandlungen zunächst recht normal. Nach etwas Smalltalk ging ich auf die Besichtigung der […] ein. Die junge Gouverneurin sah sich die Dokumente an und unterschrieb ohne jegliche Einwände.
      „Ehrlich gesagt... bin ich dankbar, dass ihr gekommen seid. Die letzten Monate waren... sehr eintönig für mich. Darf ich euch noch etwas zu trinken anbieten?“
      „Nein, vielen Dank...“, sagte ich, aber Ayumi stand trotzdem auf und öffnete einen Schrank, in welchem Teeblätter gelagert waren. Sie nahm ein Bündel, welches auf einem silbernen Tablett lag und schloss ab.


      In genau diesem Moment brach sie zusammen. Glücklicherweise fiel sie nicht sofort um, sodass Emi sie gerade noch auffangen konnte. Sofort ging ich zu ihr und überprüfte Atmung und Puls.
      „Du hast dich überarbeitet. Mir ist klar, dass du jetzt eine wichtiges Amt einnimmst. Doch wenn du dich nicht richtig erholen kannst, wirst du deine Eltern schneller wieder sehen, als dir lieb ist.“
      Dieser Kommentar brachte mir einen Tritt auf meinen Fuß ein. „Großer Bruder! Wieso sagst du so etwas? Bitte, hilf mir, sie auf den Sessel dort drüben zu tragen.“
      Gesagt, getan. Emi kümmerte sich weiterhin um die schwächelnde Gouverneurin, während ich den Tee vorbereitete – auch wenn meine Schwester dies besser kann. Nach einer guten halben Tasse konnte Ayumi zumindest wieder reden.
      „Ich kann... nicht mehr. Tag für Tag... Dokumente über Dokumente... Und... meine Eltern...“
      Einige tränen rannten über ihr Gesicht. Zu mehr hatte sie immer noch nicht genug Kraft.
      „Ganz ruhig, Mylady... Ganz ruhig... Es wird alles wieder gut...“
      Wie ich nachher erfuhr, hatte Ayumi in diesem Moment einen emotionalen Zusammenbruch erlitten. Was aber tatsächlich zu ihrem Vorteil war. Laut dem Bericht hätte es sogar Schäden am Denkvermögen hinterlassen können im Fall eines späteren Eintretens. Seit diesem Moment nannten wir Geschwister sie nur noch mit ihrem Vornamen an. Sichtlich auch zu ihrem Geschmack, denn genau wie ich war sie kein Mensch der großen Worte.
      Tatsächlich redeten wir eigentlich kaum. Stattdessen erlaubte ich mir, etwas durch ihre Unterlagen zu schauen; Emi kümmerte sich derweil um unsere Patientin. Persönlich würde ich euch nicht empfehlen, dies zu tun, außer wenn ihr unbedingt hinter Gitter wollt. Mich hat es nicht gekümmert, immerhin hat sich das Gesetz zu meiner Kindheit auch nicht um mich gekümmert. Allerdings hatte meine Neugier einen Vorteil: Da mich mein Vater auch dazu gezwungen hatte, für ihn hin und wieder Papierkram zu erledigen. Somit konnte ich einiges von ihrer Arbeitslast abnehmen. Glücklicherweise hatte sie eine sehr einfach zu imitierende Schrift.


      Nach etwa einer Stunde hatte sich Ayumi zumindest einigermaßen erholt. Wir halfen ihr, sich auf die Couch zu setzen. Zu dem Zeitpunkt hatte sie sich einigermaßen beruhigt.
      „Tut mir leid, dass ich euch als Dienstmänner missbrauche. Eigentlich wollte ich meine Angestellten nicht weiter belasten. Wir haben gerade einen Engpass an Fachkräften, daher arbeiten alle rund um die Uhr.“
      „Das macht doch nichts. Wir tun das wirklich gerne.“ Emis Ton war so sanft und beruhigend, dass ich fast an die Korrektheit ihrer Aussage dachte. „Aber wir können nicht mehr lange da sein, deswegen bitte ich euch, an eure Gesundheit zu denken.“
      „Eines wollte ich euch fragen, Lady Fujimoto: Ihr seid doch eine Pokemon-Trainerin, nicht? Wie könnt ihr bei all dem Stress noch um eure Pokemon kümmern?“
      „Bitte, nennt mich Ayumi. So viel bin ich euch schuldig. Und du hast recht, Akito: Zeit für meine treuen Gefährten habe ich eigentlich nicht mehr. Meine Position als Gouverneurin lässt mir keine Ruhe.“
      Der Ton in Ayumis Stimme gefiel mir nicht. Er kam mir sehr vertraut vor; als würde jemand verzweifelt in einem Käfig stecken. „Das kann euch doch nicht gut tun. Aus eigene Erfahrung kann ich sagen, dass mir unwohl wird, wenn ich zu lange von meinem Lucario entfernt bin.“
      „Was bleibt mir für eine andere Wahl? Wenn ich mich nicht anstrenge, würde unsere Verwaltung zusammenbrechen. Es tut mir leid, aber in dieser Sache könnt ihr nicht helfen.“
      ~Natürlich können wir das. Ihr wollt nur nicht, dass wir euch helfen.~ Diesen Satz musste ich mir wirklich hart verkneifen. Normalerweise funktioniert alles nach dem „Geben und Nehmen“-Prinzip. Allerdings fühlte ich in diesem Moment eine Art inneren Zwang, Ayumi auszuhelfen. Wo man jedoch auf taube Ohren stößt, ist nichts zu machen.
      „Ich danke euch für eure Unterstützung, auch wenn Akito etwas über seine Verfügnisse hinausgetreten ist.“ Bei diesem Satz fuhr mir ein tiefer Schauer den Rücken herunter. Die anderen zwei Gouverneure hätten meine Scharade nicht so glimpflich beiseite gelassen. „Meine Angestellten werden für euch in Shippongi ein Hotel vermieten, wo ihr und eure Gefolgschaft euch gut für eure Geschäftsreise vorbereiten könnt. Wenn ihr mich jetzt entschuldigt: Es warten noch einige Händler auf ihre Zulassungsgenehmigungen...“


      Wie schon zwei Tage zuvor konnte ich an jenem Tag nicht schlafen. Dieser kleine Fehler hätte uns die ganze Mission kosten können, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Auch der Zuspruch meiner Schwester half nichts. So kam es, dass ich schon um sechs in die Rezeptionshalle ging, um mich irgendwie ablenken zu können. Glücklicherweise wartete Minoru schon auf mich.
      „Ah, Lord Akito. Gut, dass ihr schon aufgestanden seid. Ich habe schon gestern alle Vorbereitungen für unsere Abreise getroffen. Die Kutsche samt Zug-Pokemon sowie Reiseproviant von etwa zehn Tagen stehen bereit. Verläuft alles nach Plan, kommen wir in einer Woche am Fuße des Rudrekon-Gebirges an.“
      „Wenn alles nach Plan verläuft, wovon ich nicht ausgehe. Dennoch wirst du darauf keinen Einfluss haben können. Danke für deine Sorgfalt, Minoru.“
      „Stets zu Diensten, Milord“, sagte er und nahm zwei Tassen, in welche er etwas Kaffee einschenkte. „Ich weiß, dass ihr keinen Kaffee mögt, Milord. Allerdings wird er helfen, euch wach zu halten, wenn euch der Schlaf gefehlt hat.“
      „Du hast es bemerkt?“
      „In der Tat, Lord Akito. Es ist nur selten, aber euch fehlt die Aura, welche ihr generell ausstrahlt. Dieses Problem kenne ich von einigen meiner jüngeren Geschwister...“
      Etwas abgelenkt, aber nicht uninteressiert hörte ich unserem Sekretär bei einem seiner Vorträge zu. Gleichzeitig nahm ich immer wieder ein paar Schlucke meines Kaffees. Tatsächlich hielt er mich wach, und nicht nur wegen des Koffeins.

      So vergingen die Minuten im Flug. Mittlerweile hatten sich auch Matsuri und Kana zu uns gesetzt, die erste mit einem vollen Frühstückstablett. Allerdings interessierte mich eine andere Sache mehr:
      „Wieso hast du dir immer noch keine neuen Klamotten gekauft, Matsuri? Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich deine Uniform nicht mehr sehen möchte?“
      „Es tut mir leid, Lord Akito.“ Ihre Verbeugung, welche schon normal recht tief war, sah fast aus, als würde sie auf ihre Knie fallen. „Allerdings konnte ich mich nicht entscheiden... was euch gefallen...“
      Diese Worte brachten mich zur Weißglut. „Wieso ist es dir so wichtig, dass deine Kleider MIR gefallen? Kannst du dich ÜBERHAUPT an irgendetwas erinnern, was wir auf dem Schiff besprochen haben?“
      Zu meiner Missgunst schaltete sich auch Kana in das Gespräch ein: „Oh, haben wir hier etwa einen Beziehungsstreit im Gange? Nur zu! Ich werde euch nicht...“

      „RAAAAAAAAAAAAWWWWWRRRRRRRR!!!!!“
      Der Geschrei einer wild gewordenen Herde an Pokemon. Ein furchteinflößendes Geräusch. Es war, als wäre ein Lugia oder ein Giratina aus dem Nichts aufgetaucht.
      Zunächst waren wir etwas schockiert vom jenem Schrei. Zu unserem Glück tauchte aber Kinrou auf und informierte mich über die Lage.
      Im Norden der Stadt ist eine Herde aus wilden Tauri aufgescheucht worden. Wenn wir uns nicht beeilen, werden sie einen guten Teil der Stadt zerstören!“


      Eine zweite Einladung benötigte ich nicht. So schnell ich konnte, rannte ich zum Ausgang und folgte ich meinem Lucario zum „Tatort“. Leider brauchte dies zehn Minuten. Als wir da waren, hatten die Tauri schon einige Gebäude, Menschen und Pokemon schwer verletzt.
      Um selbst nicht ins Kreuzfeuer zu geraten, kletterte ich auf eines der noch intakten Gebäude. Kinrou brauchte meine Anweisungen nicht. Er wusste auch so, wie man kämpfen muss.
      Als ich schließlich oben angekommen war, machte ich mir ein Bild über die Lage. Es waren etwas mehr als hundert der Stier-Pokemon, welche am Rande der Stadt randalierten. Scheinbar waren die Bewohner geflohen, immerhin konnten sie die Herde nicht aufhalten. Kinrou schlug sich tapfer und schlug einige der Tauri zu Boden. Dennoch...
      ~Wenn das so weitergeht, wird er irgendwann auch zusammenbrechen!~ Verzweifelt hielt ich nach irgendjemandem Ausschau, der in der Lage war, an unserer Seite zu kämpfen. Vergeblich.
      Auf dem zweiten Blick hatte sich die Lage für meinen Partner verschlechtert. Er hatte schon einiges einstecken müssen, aber die Bande ließ sich einfach nicht einschüchtern. In genau diesem Moment tat ich etwas, was ich im Nachhinein niemals hätte tun sollen.
      Ein Griff in die Tasche und schon hatte ich das Geschenk, welches mir Kana zwei Wochen vor der Abfahrt gefertigt hatte, zur Hand. Ich lud die Waffe auf, zielte auf eines der Tauri und drückte ab...
    • Uff uff uff sehr viel passiert, sehr viel geschrieben. Ich werde nicht im Detail auf die Kapitel eingehen, aber einen Kommentar durchaus hinterlassen o:

      Was ich mag: das lucario <3 und naoki, ist mir voll sympathisch xD.

      Sehr schön hast du dir einzelnen Charaktere, die an der Operation beteiligt sind, eingeführt, indem du sie, immer, wenn der Protagonist-dad ihre angesprochen hat, um ihre Loyalität abzufragen. Sehr schön gemacht.

      Awww das mit matsuri ist traurig... Und süß qwq


      Er ging auf die Besichtigung von [...] ein? :"D (erster Absatz in Kapitel vier)


      Wie fies, dass ausgerechnet Kapitel 4 wieder in so einem fiesen kliffhänger endet qwq"

      Weiterhin eine sehr interessante Geschichte, du hetzt nicht in der Erzählweise, findest eine gute, interessante Abwechslung zwischen Situationserzählung und nacherzählung. Formal sind mir nur 3 oder 4 "Patzer" aufgefallen, die aber eher darauf schließen lassen, dass der Satz vorher anders aufgebaut war. Bin leider am handy und kann dort nicht gut markieren und zitieren. Unter anderem Einmal "während langsam", was n anfangen des Satzes nicht zusammen passte o:


      Ich bin sehr gespannt was passiert und vor allem, was passiert, dass der arme Kerl es im Nachhinein bereut, auf die Tauri zu schießen D:

      Fangeschichten #f-sandan# Lesecke #f-sandan# RedaktionSchreibworkshop #f-icognito-!# Lesezirkel
      Zzt krank und nicht verfügbar - Hand OP am 4.3.2019
    • Kapitel 5: Unter den Trümmern


      „Hier, mein Herr! Ich glaube, dass wir einen Vermissten gefunden haben.“
      Ich wandte meinen Blick in Richtung des Rettungstrupp, der in den Trümmern nach Überlebenden suchte, Menschen und Pokemon zugleich. Es war auch an der Zeit. Schon seit gestern Mittag waren wir hier und räumten das Chaos auf. In dieser Situation wäre ein Psycho-Pokemon gut gewesen, aber natürlich war keines da. Außerdem wollten wir nicht riskieren, dass wir durch zu schnelles Entfernen der Trümmer nicht jemanden fatal verletzen würden.
      Leider hat diesem Jungen unsere Vorsicht das Leben gekostet. Er war zwischen zwei Steinplatten festgeklemmt, welche ihm das Atmen schwer gemacht haben. Definitiv kein schöner Anblick.
      „Ich wünschte, wir könnten den Kleinen dort unentdeckt lassen, Herr. Das eigene Kinder zu Grabe tragen zu müssen, ist wahrscheinlich schlimmer als jede Folter.“
      „Das stimmt. Trotzdem müssen wir den Saustall hier aufräumen. Schafft ihn weg! Wir haben noch einige Gebäude vor uns.“ „Jawohl, Sire!“
      Im Nachhinein betrachtet wahr mein Befehl sehr schroff formuliert. Meine Wut machte sich bemerkbar, doch ich konnte nicht sagen, auf wen sie gerichtet war. Dass eine solche Massenpanik unter einer Pokemon-Herde ausbricht, ist nämlich nicht gerade wahrscheinlich. Vor allem nicht, wenn es gezüchtete Tauri sind. ~Was könnte dies ausgelöst haben? Die Pokemon scheinen pfleglich behandelt worden zu sein und von einem anderweitigen Aggressor haben wir keine Spur...~

      Abends machte ich einen zweiten Besuch im Haus der Gouverneurin. Diese war nämlich endgültig zusammengebrochen, als sie die Überreste des Ereignisses in Nord-Shippongi sah. Seitdem war schon ein Tag vergangen.Anstatt des Chauffeurs erwartete mich allerdings jemand Anderes. Vor dem Anwesen stand ein Mann mittleren Alters in einem grauen Mantel sowie Hose und einem weißen Hemd. Von der Größe waren wir ungefähr gleich, obwohl ihm seine Reisestiefel einen Zentimeter mehr gaben.
      „Ah, Lord Nakashima, nehme ich an? Mein Name ist Tsukuru Momoyaka, Stellvertretender Leiter der Vertretung Mizubions. Im Namen all unserer Bürger darf ich mich bei Ihnen herzlich bedanken.“ Diese Worte folgten einer tiefen Verbeugung, zumindest bei unserem Altersunterschied.
      „Ich fürchte, dass Sie sich bei meiner Schwester bedanken müssen. Eigentlich hatte ich geplant, schon gestern früh weiter zu reisen.“ ~ Na ja... wenn ich ehrlich bin, nicht ganz. Natürlich sollte ich so schnell wie möglich die Suche nach den Elrics beginnen. Allerdings könnte ein ähnliches Phänomen sich auch in unserem Staat Zankoku erleiden. In diesem Fall würde dann eine Hand die andere waschen...~
      „Daher danke ich euch umso mehr, dass ihr euch entschieden habt zu helfen. Bitte, kommen Sie doch herein.“


      Momoyaka führte mich auf die Terrasse, wo ein kleines Dinner bereitstand. Allerdings lag ein ganzer Stapel Dokumente in greifbarer Nähe. Was ich davon hielt, wisst ihr ja mittlerweile schon.
      „Wenn es Euch nichts ausmacht, Lord Nakashima, würde ich gerne mit dem formellen Teil beginnen. Bedauerlicherweise häufen sich einige Probleme in letzter Zeit, daher müssen wir diese so schnell wie möglich in den Griff bekommen. Zunächst bitte ich Euch, diesen Artikel durchzulesen...“ Natürlich war es derselbe Artikel, den mir schon Nobu geschickt hattte. Trotzdem wollte ich keinen Argwohn aufkommen lassen. Deshalb nahm ich die Zeitung und tat so, als ob ich den Artikel zum ersten Mal lesen würde.
      Ein paar Minuten später legte ich die Zeitung beiseite und fragte: „350.000 Helion? Das wäre fast ein Zehntel des Umsatzes von Zankoku!“
      „In der Tat, eine gewaltige Summe. So selten, wie Eisen in Zanto ist, hat es mittlerweile einen ähnlichen Wert wie Gold. Allerdings stört mich bei dieser Sache einiges.“
      „Was meinen sie damit?“
      Bevor er meine Frage beantwortete, nahm er ein Dokument zur Hand. „Herr Suzuki, der Sekretär des Finanzministers, schickte unserer Vertretung die Transportbestätigung der besagten 350.000 Helion. Demnach müsste die Subvention für die Hitzeperiode schon gestern angekommen sein. Allerdings ist der Vertrag über den angeblichen Eisenhandel auch authentisch...“
      „Mit anderen Worten: Eines der Dokumente ist eine Fälschung.“ Die Frage war also, welches der beiden echt ist. Dummerweise ließ sich das schwer herausfinden. Beide Dokumente waren mit demselben Siegel markiert worden, auch die Handschrift sah zum Verwechseln ähnlich. Auch den Händler selbst zu fragen, war keine Option. Handelsverträge werden in Zanto niemals öffentlich gemacht und der Händler nicht beim Namen genannt. Nur die Lieferanten, welche meist kleinere Schiffsunternehmer sind, werden aufgezeichnet. Somit soll kein Wettkampf um den niedrigsten Preis entstehen. Ohne auf meine Aussage einzugehen, fuhr Momoyama fort.
      „Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass der Eisenhandel jemals stattgefunden hat. Erstens gibt es derzeit einen Förderengpass in Bezug auf Eisen. Außerdem war Finanzminister Kobayashi zumindest in Bezug auf uns immer verlässlich, ganz außen vor natürlich der Tatsache, dass ein solcher Handel in der derzeitigen politischen Sektion einem Karriereselbstmord gleichkommt.“
      Der Beamte Mizubions hatte Recht. Es gäbe keinen Grund für Kobayashi, einen solch dummen Handel einzugehen, vor allem mit Regierungsgeldern. Doch die Geldmenge war immer noch verschwunden.
      „Weiß man eigentlich, wo das Transportschiff ist?“, fragte ich sicherheitshalber nach.
      „Es ist schon vor einigen Tagen eingetroffen. Nur weiß der Besitzer des Schiffs weder etwas von einem Geldtransport noch von einem Eisentransport. Sein Schiff hatte außerdem keines der beiden Sachen transportiert.“
      Hiermit war unser Problem an einem toten Punkt angelangt. Beide Verträge sind authentisch, Aussage gegen Aussage und der Lieferant kann absolut keine Informationen liefern.
      Verzweifelt stöhnte ich auf. „Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Eine verlorene Ware zu finden, ist beinahe unmöglich.“
      „Ihr habt Recht, Lord Nakashima. Wir stehen vor einem unlösbaren Problem. Trotzdem brauchen wir dringend Nahrung und Rohstoffe. Daher will ich euch um Hilfe bitten...“


      Drei Stunden später verließ ich das Bad in unserem Hotel, ziemlich müde von den Verhandlungen mit Momoyama. Zumindest konnte ich mich in der Zeit auf eines verlassen: Matsuri und ihre zuverlässigen Dienste als Hausmädchen. In wenigen Sekunden aus dem Bad in den sauberen Nachtanzug, während in der Stadt schon die Sanierungsarbeiten anfingen.
      „Ich soll Euch von eurer ausrichten, dass Sie die Nacht bei Lady Fujimoto verbringen wird. Der Zustand der Gouverneurin hat sich zwar verbessert, aber Mylady möchte sich trotzdem weiter um sie kümmern.“
      „Hoffentlich überanstrengt sie sich nicht“, stellte ich besorgt fest. „Manchmal vergisst Emi in der Sorge um Andere ihre eigene Gesundheit.“
      „Macht euch darum keine Sorgen, Mylord. Ich habe eure Schwester gebeten, sich heute etwas auszuruhen. Da wir noch bis Ende der Woche in Shippongi bleiben werden, wird Sie genug Zeit haben, sich um die Gouverneurin zu sorgen.“
      „Hoffen wir, dass Emi ihr Wort auch hält. Ich nehme an, dass du sehr mit den Bergungsarbeiten beschäftigt warst, nicht wahr, Matsuri?“
      „Da viele Leute aus Sicherheitsgründen in ihren Familien zusammen kommen, habe ich bei den Arbeiten geholfen, dass stimmt. Glücklicherweise konnte ich ein älteres Mädchen aus den Trümmern befreien. Ihr linkes Bein ist gebrochen, aber glücklicherweise hat sie bis heute überlebt. Ein Tag später und sie wäre tot gewesen.“
      Diese Nachricht brachte ein kleines Schmunzeln auf mein Gesicht. ~Endlich eine gute Nachricht. Bei all den komischen Sachen, die gerade passieren, lernt man die einfachen Sachen des Lebens zu schätzen.~
      „Bei dieser Sache, Mylord: Die Mutter des Mädchens, hat mir aus Dankbarkeit ein Kleid geschenkt. Eigentlich wollte ich es nicht annehmen, aber sie bestand darauf. Bislang hatte ich keine Gelegenheit, jenes Kleid anzuziehen. Deshalb wollte ich fragen, ob ich es nun anprobieren kann.“
      „Gerne, Matsuri.“
      Auf diese Worte ging sie sich kurz umziehen. Es dauerte ungefähr drei Minuten, dann kam sie wieder in mein Zimmer. Matsuri trug nun ein simples grünes Kleid, welches ihr etwas über die Knie ging. Besonders ausgefallen war es nicht. Dennoch sah unser Dienstmädchen das erste Mal wie eine eigene Person aus. Ziemlich hübsch, nebenbei bemerkt.
      „Na wie fühlst du dich?“, wollte ich von ihr wissen.
      „Wie soll ich sagen... Es fühlt sich so an, als hätte mir die Mutter des Mädchens ihre Dankbarkeit in dieses Kleid getan.“
      „Dann pflege es auch sorgfältig. Dies ist dein Kleid, also behandle es so, als wäre es ein Teil von dir.“
      „Verstanden, Mylord.“
      Daraufhin redeten wir noch ein bisschen miteinander. Nichts Wichtiges, hauptsächlich nur in einigen Erinnerungen schwelgen. Was mir aber wichtiger war als worüber wir geredet haben, war das Lächeln auf Matsuris Gesicht. Normalerweise ist sie immer sehr kühl. Dieses Gespräch war einer der seltenen Momente, in der sie sich von ihrer fröhlichen Seite zeigte.


      Da es allerdings schon spät war, ging sie nach kurzer Zeit schlafen. Dasselbe wollte ich auch machen, doch dann fiel mein Blick auf meinen Mantel. Sofort musste ich daran denken, was im inneren versteckt war.
      Noch hatte ich Angst davor. Der Gedanke, mit einer Pistole einen Menschen oder ein Pokemon zu töten, war für mich unangenehm. Nicht wegen der Schusswaffe, sondern weil mich Leichen immer an Kuraiko erinnern. Für mich und Nobu war sie wie eine große Schwester, die immer auf uns aufgepasst hat. Doch eines Tages fanden wir sie leblos in einer Scheune. Seitdem hatte Nobu nicht mehr gelächelt, wie er es davor gerne tat.
      Während ich an die zwei dachte, fiel mir plötzlich das Gespräch mit Kana ein, als sie mir die Pistole zwei Wochen vor der Losfahrt überreichte.

      Hier, mein Kleiner. Ein kleines Geschenk von mir. Es gibt nicht viele Leute, die solch ein Ding zusammenbauen können, also geh sorgfältig damit um.“
      Ist es geladen?“
      Nein, ist es nicht. Und ich empfehle euch auch, sie höchstens mit einer Kugel zu laden. Je öfter man dieses Ding benutzt, desto berauschender ist das Gefühl beim Schuss. Gleichzeitig bringst du einen anderen damit ins Grab. Mach das also ja nicht aus Jux und Tollerei.“
      Für wen hältst du mich? Meinst du, ich veranstalte jetzt gleich ein Blutbad, oder was?“
      Weißt du, Kleiner... Ich bin nicht die Allerhellste. Allerdings hat mir mal einer, der sich mit diesen Dingern auskennt, was Interessantes gesagt: 'Wenn eine Pistole in einer Geschichte vorkommt, wird sie auch irgendwann verwendet werden.'“
      Na dann hoffen wir mal, dass der Typ nur ein Möchtegernphilosoph war...“

      Leider hatte der Mann recht. Noch nicht mal eine Woche seit dem Aufbruch und schon war dieses Ding zum Einsatz gekommen. Und es war auch definitiv nicht das letzte Mal. Dies war mir jedoch noch nicht klar, als ich mit einem unbehaglichen Gefühl zu Bett ging.


      PS: Wie schon @Isanya aufgefallen ist, sind ein paar Fehler von den Originalen noch drinnen. Ich werde schauen, dass ich möglichst schnell die Fehler ausbessere. :)
    • Kapitel 6: Die Berge rufen


      Die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt und schien mit gleißendem Licht auf Shippongi herab. Wegen der Hitze hatte ich meinen Mantel gegen ein beiges Leinenhemd ausgetauscht, ansonsten wäre ich nach der Beladung unseres Karrens wohl ziemlich verschwitzt gewesen. Ich weiß, dass wir eigentlich in der Stadt bleiben sollten. Wie hieß es so schön: Nie unverrichteter Dinge weiterziehen. Allerdings mussten wir wirklich mit der Suche nach den Elrics beginnen. Je länger wir warteten, desto weniger Spuren würden zurückbleiben.
      Deswegen wollte ich eigentlich schon am Morgen fahren. Allerdings musste Minoru einige Feinheiten der Verhandlungen von gestern ausfeilen, ganz zu Schweigen davon, dass Emi noch bei der Gouverneurin war. Somit mussten Kinrou ich die Reisevorräte alle selbst einräumen, oder zumindest dachte ich das. Überraschenderweise half Naoki, ohne auch nur zu fragen, ob ich seine Hilfe benötige. Nicht nur das: Er wusste instinktiv, wie welches Gepäck zu verstauen war. Dank ihm benötigten wir etwa eine Stunde weniger, sodass ich noch Zeit hatte, alle Spesen zu begleichen.
      Kurz darauf kamen Minoru und Emi zurück zur Gaststätte. Die beiden waren nicht gerade zu reden aufgelegt, als sie auf mich zu kamen. ~Komisch. Normalerweise sind die beiden immer in ein Gespräch verwickelt...~
      „Lord Akito, die Verhandlungen sind nun endgültig abgeschlossen. Ihr könnt euch nun frei in Mizubion fortbewegen. Hier ist die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Wenn Ihr diese vorzeigt, wird euch das einige Formalia ersparen.“
      Der Ton, in dem Minoru sprach, gefiel mir nicht. Es schien mir so, als ob er etwas verbergen würde.
      „Wenn du sagst 'Ihr', Minoru: Heißt dies dann, dass du uns nicht begleiten wirst?“
      „Euch entgeht nichts, Mylord. Um euch die Möglichkeit zu verschaffen, schon heute aufzubrechen, werde ich in der Zwischenzeit in Shippongi bleiben müssen. Bis unsere vereinbarten Notlebensmittel und meine Kollegen aus Zantosan eintreffen, wird es noch einige Zeit dauern.“
      Zunächst wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Die Situation war klar: Wir ziehen weiter, Minoru bleibt hier und kommt nach, sobald er kann. Trotzdem war ich nicht wirklich froh darüber, ihn hier zu lassen. Es kam mir so vor, als ließe ich einen Bruder von mir zurück.
      Nach einer Weile – und vor allem, weil mir nichts Anderes einfiel – reichte ich Minoru die Hand. „Viel Glück, mein Freund, auch wenn du es wahrscheinlich nicht brauchen wirst.“
      Erst zögerlich, dann mit Stolz und Dankbarkeit erwiderte mir den Handschlag. Sagen tat Minoru nichts, und das war gut so. Manchmal braucht es eben keine Worte.


      Kurz darauf fuhren wir los. Mittlerweile nur noch zu fünft – die Pokemon extra berechnet – nahm ich die Zügel und trieb die Zebritze an. Sie waren recht folgsam, sodass ich relativ sanft zu Ihnen sein konnte. Wir kamen auch so recht gut voran: Nach etwa einer halben Stunde war die Stadt nicht mehr zu sehen. Stattdessen betraten wir in eines der wenigen Waldgebiete in Mizubion. Da wir immer noch Mittag hatten, waren fast keine Pokemon zu sehen. Wenn man sie finden wollte, musste man in den Morgen- oder Abendstunden herkommen. Theoretisch kann man auch nachts welche finden. Allerdings glaube ich, dass man sich eher als Paragoni oder als Makabaja wiederfindet, je nach Alter.
      Schlechte Witze beiseite... generell war der erste Teil der Fahrt nicht gerade aufregend. Ich saß allein vorne am Karren, während Naoki, Kana und Matsuri drinnen sich lebhaft miteinander unterhalten. Nur unser Mannsweib gesellte sich kurz zu mir.
      „Ganz alleine an den Zügeln, Herr Meisterdieb? Immer alles lenken zu wollen, sieht dir ähnlich...“
      „Kana, mir ist es egal, wie du mich ansprichst. Allerdings ist es mir nicht egal, wenn du mich grundlos provozierst. Was willst du?“
      Eigentlich hatte ich mit einem schallenden Gelächter gerechnet. Es kam allerdings nicht. Stattdessen blickte mich die Schmiedin kühl und mit prüfenden Augen in meine Richtung.
      „Wie viele Kugeln hast du verwendet? Und denk nicht mal dran, mich anzulügen!“
      Zunächst musste ich kurz überlegen. Der erste Schuss traf ein Tauros an der Seite, es starb dann nach etwa 15 Minuten. Meine zweite Kugel nutzte ich, um Kinrou vor einem anderen Tauros zu schützen. Ich kann von Glück sagen, dass ich es direkt an der Schläfe traf, ansonsten hätte das schlecht für Lucario ausgehen können. Zuletzt gab ich noch einen Warnschuss ab, auf den die panische Herde aus der Stadt floh. Demnach war meine Antwort: „Drei Stück.“
      Kana blieb gelassen. Dennoch kam es mir so vor, als sei sie nicht gerade erfreut.
      „Drei... So viele Kugeln haben selbst unter den Wenigen, welche eine Pistole besitzen, nur eine Hand voll Leute abgefeuert. Ganz zu schweigen davon, dass sie es an einem Tag gemacht haben.“
      Schließlich fasste Kana mich an der linken Schulter und meinte Folgendes:
      „Vergiss nicht, dass meine Loyalität Lord Nakashima gilt, nicht dir. Mein kleines Geschenk gab ich dir nur für den allergrößten Notfall – für den Moment, bevor du ermordet wirst. Denk nicht mal daran, das Ding auf Menschen zu richten...“
      Diese Farce war mir zu viel. Mit einem Handgriff umfasste ich Kanas Handgelenk und drehte es so weit, dass sie loslassen musste.
      „Meinst du, ich bin so dumm, dass mir das gesagt werden müsste? Mich würde eher interessieren, warum ich nicht auf die Tauri schießen sollte. Oder sind dir die Leben anderer Menschen egal?“
      Ich bekam keine Antwort. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, ging Kana zurück ins Innere des Karrens. So bekamen unsere Reittiere schließlich meinen Ärger zu spüren...“


      Nach einer Fahrt ohne wirkliche Pause kamen wir schließlich in einem kleinen Dorf an. Als ich nachfragte, wie weit wir von Shippongi weg seien, bekam ich als Antwort: „Schätzungsweise einen Tagesritt, 110 km.“ Eine ziemliche Überraschung für mich. Normalerweise schaffte ein Planwagen um die 70 Kilometer. Allerdings waren in der näheren Umgebung kaum andere Siedlungen, geschweige denn welche mit Reiseunterkünften.
      Zusammen mit Naoki betrat ich das Gasthaus und bezahlte die Rechnung im Voraus. Das Gepäck brauchten wir nicht auszuladen; unser Ziel lag noch gute 700 km entfernt. Ja, Zanto ist schon eine sehr große Region. Zwar sind die Landmassen durch das Meer getrennt, aber sie ziehen sich sehr lange hin. Wenn man auf die Karte Zantos blickt, sieht es so aus, als hätte jemand die Inseln absichtlich in dieser Formation angeordnet.
      Zunächst setzte ich mich in die Rezeptionshalle und packte eines der wenigen Bücher aus, welches ich mitgenommen hatte. Es handelte um einen brillanten Wissenschaftler, der einen künstlichen Menschen erschaffen hat. Aus Furcht verstößt er jedoch die Kreatur. Natürlicherweise fühlt sich dieser... wie soll ich das ausdrücken... Homunkulus, nicht? So nennt man doch einen künstlichen Menschen, da bin ich mir sicher. Egal, ich nenn ihn jetzt einfach mal so. Auf jeden Fall beschließt der Homunkulus, sich an seinem Schöpfer zu rächen und tötet nach und nach seine Familie. Zugegeben, manchmal war es etwas schnulzig, aber es hat mir insgesamt sehr gut gefallen.
      In das Buch vertieft hatte ich nicht gemerkt, dass ich plötzlich alleine war. Zwanzig Minuten las ich vor mich hin und alle waren weg. Etwas verwundert ging ich zurück zur Kutsche. Wie erwartet verrichtete Matsuri dort ihre Arbeit.
      „Ah, Lord Akito. Seid Ihr mit der Buchung der Zimmer schon fertig?“
      „Der Wirt hatte nicht viel auszusetzen. Im Prinzip war es: Geld her, Schlüssel mitnehmen und keinen Krach machen. Worum ich mir gerade mehr Sorgen mache, sind unsere verschollenen Freunde. Hast du Emi und die Anderen gesehen?“
      Ihre Reaktion verriet mir: Nein, hatte sie nicht. Generell ändert Matsuri selten ihren Gesichtsausdruck. Daher war es schon an der kleinsten Abweichung erkennbar, wie sie sich fühlte. Wenn nicht, habe ich mich einfach wohl zu sehr daran gewöhnt.
      „Habt Ihr auf ihren Zimmern gesucht? Ich kann mir nur schlecht vorstellen, dass jemand von den dreien abends noch groß ausgeht. Höchstens Kana vielleicht, aber da sie heute unseren gesamten Alkohol getrunken hat, bezweifle ich das sehr.“
      „Das stimmt wohl. Um unser Mannsweib mache ich mir auch keine Sorgen. Verdammt, ich hätte wissen müssen, dass Emi zu still war. Kein Problem, ich krieg das schon hin...“


      Zugegeben, die wenigen begehbaren Wanderpfade herauszufinden, war nicht schwieriger als zwei Leute nach dem Weg zu fragen. Glücklicherweise meinte der Zweite zudem, dass er einen junges Mädchen auf einem der Wege gesehen hatte. Blieb nur zu hoffen, dass es nicht seine zukünftige... Frau war. Meiner gewöhnlichen Manier nach folgte ich dem Pfad nicht direkt, sondern schlängelte mich etwas seitlich vorbei. Dies war leider nicht ganz so leicht: Als Kind der Stadt war ich nicht der Beste, wenn es um das Navigieren durch Wälder geht. Außerdem konnte Nobu wesentlich besser auf Bäume klettern als dieser komische kleine Teufel hier. Trotzdem kam ich einigermaßen gut voran und vor allem – was mir wichtiger war – ungesehen.
      So kam ich schließlich an einen kleinen See an. Eine kleine Seltenheit, aber es erklärt zumindest, weshalb man hier ein Dorf errichtet hat. Auf einem der Äste spähte ich über das Wasser und sah prompt meine kleinen Engel. Sie wirkte sehr traurig, genau wie Matsuri vor einigen Tagen. Allerdings war es bei Emi wesentlich offensichtlicher: Auch wenn kein Schluchzen zu hören war, rannten Tränen ihr Gesicht herab. Ein guter Bruder wäre hinuntergegangen und hätte sie getröstet. Leider war ich kein solcher Bruder. Die Geschichte mit Matsuri war eine einmalige Ausnahme, leider... Toll gemacht, Akito. Kann nicht mal seiner eigenen Schwester helfen!
      Ein, zwei Minuten vergingen auf diese Weise, und trotzdem traute ich mich nicht, Emi anzusprechen. Doch kaum hatte ich für einen Moment nicht hingesehen, schon war Naoki plötzlich bei ihr. Der gute umarmte das zusammengekauerte Mädchen und tröstete sie.
      Ehrlich gesagt war ich nicht wirklich erfreut. Einmal mir bei Einpacken helfen entspricht nicht gleich „Freunde fürs Leben“. Allerdings war ich zu weit weg, um irgendetwas zu verstehen. Also kletterte ich auf einen Baum in ihrer Nähe. Zu dumm nur, dass dies um die fünf Minuten dauerte.


      „...Meinst du wirklich, dass Ayumi sich erholen wird?“
      „Mach dir keine Sorgen, meine Liebe. Die Gouverneurin ist in Mizubion für ihre Stärke und ihr Durchhaltevermögen bekannt. Wenn es jemand überstehen wird, dann sie.“
      Es war wirklich schwer auszumachen, was die zwei sprachen. Auch auf dem nächsten Baum betrug die Entfernung zwischen mir und meiner Schwester... und Naoki... etwa 100 Meter. Somit musste ich extrem leise sein, um irgendetwas zu verstehen.
      „Es ist nur... Naoki, ich habe Angst. Als ich Ayumi sah... nun... sie erinnerte mich an Hiroshi. Er war genauso stark... selbstbewusst. Er war als Bruder so perfekt wie man es sich nur wünschen kann.“
      Bei diesen Worten hätte ich fast meinen Halt verloren. Irgendwie fühlte ich mich in meiner Rolle als schlechter Bruder bestätigt. Doch Emi fuhr fort.
      „Deswegen... nicht, dass ihr dasselbe passiert wie ihm. Sie ist eine so netter und liebenswerter Person, also warum ist sie diejenige, die so sehr leiden muss?“
      Naoki nahm sich Zeit, bevor er etwas sagte. Aus meinem Blickwinkel konnte ich es nicht sehen, aber scheinbar ist ihm etwas an Emi aufgefallen.
      „Diese Brosche sehe ich zum ersten Mal. Ein Geschenk der Gouverneurin, nicht wahr?“
      Meine Schwester wischte sich eine Träne vom Gesicht. „Ja. Sie meinte, es sei ein Glücksbringer, gesegnet vom Wächter des Waldes. Solange ich ihn trage, soll ich unter seinem Schutz stehen.“
      „Ahh, jetzt verstehe ich. Natürlich, wie kann man das vergessen. Sie meinte das Celebi, welches den Wald vor bösen Mächten schützt. Glaub mir: Ich hab es getroffen, und wenn es dir nicht seinen Schutz gibt, wird es keinem anderen Person zur Seite stehen.“
      Noch immer etwas trübe auf dem Gesicht, aber erstaunt fragte Emi: „Wirklich? Du hast ein legendäres Pokemon getroffen?“
      „In der Tat, Mylady. Allerdings sollten wir nicht nachts mitten im Wald darüber reden. Wer weiß, welche Kreaturen auf uns lauern? Wenn Ihr mir daher zum Gasthaus folgen würdet.“
      Die Manier eines wahren Gentleman, das muss man Naoki lassen. Immer die richtigen Worten parat gelang es dem Waldläufer, die Trauer meiner Schwester zumindest zu lindern und sie zurück in die Zivilisation zu bringen. Allerdings folgte ich ihnen nicht. Stattdessen wartete ich, bis die beiden nicht mehr von meinem Blickfeld aus zu sehen waren.
      Darauf ließ ich mich vom Baum herunterfallen und ging selbst an den Ufer des Sees. Selbst mit den wenigen Sonnenstrahlen, die noch auf die Tannen und Eichen herab schienen, sah die Szenerie sehr idyllisch aus. In diesem kleinen Paradies zog ich meine Schuhe aus, krempelte meine Hose bis zum Knie hoch und ließ meine Beine im Wasser entspannen. Einen solch schönen Anblick hatte ich nur noch selten während dieser Reise. Dennoch fühlte ich mich ziemlich niedergeschlagen.
      ~“Ein Bruder so perfekt, wie man sich ihn nur wünschen kann, huh“? Und nun hat Emi mich, einen Straßendieb... nein: Den berüchtigtsten Straßendieb in ganz Zanto. Ich kann mich noch genau daran erinnern, was viele Leute zu mir gesagt haben. Darunter ist 'Bastard' noch das netteste von allem gewesen. Ich konnte mich nicht mal in einer Seitengasse entdecken lassen. Hätte ich das getan, wäre die Polizei sofort auf meinen Fersen gewesen...~
      Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass das Schwelgen in Erinnerungen nur den Griesgram in mir zum Vorschein bringt. Außer Nobu und Kuraiko hatte ich kaum gute Erinnerungen vor meiner Zeit bei den Nakashimas. Es half nicht, dass Kana mich ständig an jene Tage erinnern musste.
      ~Und nun bist du der Erbe der Nakashima-Familie, der zukünftige Gouverneur von Zantosan. Pah, dass ich nicht lache! Ich habe mich nicht verändert. Ich bin immer noch derselbe Tunichtgut, der einst jeden Passanten um seinen Besitz erleichterte...~
      Diese Gedanken brannten sich so in mein Gedächtnis, dass mein Zeitgefühl komplett verloren ging. Erst als es stockfinster war, stand ich auf, rückte meine Kleidung zurecht und verschwand im Dunkel der Nacht.
    • Kapitel 7: Laterne, Laterne... Sonne, Mond und Sterne


      Meine trübe Stimmung legte sich auch am nächsten Tag nicht. Sichtlich gestresst bestand ich auf eine sofortige Weiterfahrt, früh morgens. Die anderen waren kaum aufgestanden, als ich zu ihnen sagte: „In fünfzehn Minuten fahren wir los. Länger werde ich nicht warten.!“ Dies resultierte in einem ziemlichen Chaos. Die Mädels, inklusive Kana, beeilten sich, jeder nach seinen Maß noch frisch zu machen, Naoki suchte verzweifelt nach einer kleinen Flöte, welche er normalerweise bei sich trug und die Pokemon der anderen schlangen noch schnell einige Happen zu essen herunter.
      Rückblickend war es sehr überraschend, dass alle rechtzeitig am Planwagen waren, zum Glück für sie und vor allem für mich. Ich wäre nämlich wirklich ohne sie weitergefahren. Etwas wütend trieb ich unsere Zugpokemon an, wie schon gestern. Ohne großes Bocken trieben sie im Galopp vorwärts; scheinbar waren sie eine solche Behandlung gewohnt. Daher lief auch an eben jenem Tag die Reise recht geschwind weiter. In gewohnter Manier saß ich vorne an den Zügeln, während die anderen es sich im Wagen gemütlich machen. Viel ausmachen konnte ich nicht, aber zumindest war Emis Stimme zu hören. Ein gutes Zeichen. Lieber ging es mir schlecht als ihr. Meistens konnten die Leute ohnehin nicht erkennen, wie es mir ging.
      Jemand der es jedoch erkennen konnte, war Kinrou. Er hatte sich an jenem Tag zu mir gesetzt, und als ein Lucario bestand kein Zweifel daran, dass er meine Gefühlslage lesen konnte.
      Lord Akito, ihr wisst, dass ich mich ungern in euer Privatleben einmische. Dennoch besorgt mich die Farbe eurer Aura. Sie strahlt eine Mischung negativer Gefühle aus. Mehr habe ich nicht herausgelesen, und ich gebe euch mein Wort, dass ihr mir nichts zu verraten braucht. Dennoch bin ich um euch besorgt.“
      Seine fürsorgliche Ader brachte mich zum Schmunzeln, zumindest soweit, wie ich in dieser Situation schmunzeln konnte. „Ich weiß nicht. In letzter Zeit haben sich nur einige Sachen ereignet, die mich etwas stutzig stimmten...“
      Ist dem so? Wenn ihr meinen Rat wollt, müsst ihr euch genauer ausdrücken.“
      Im Nachhinein hätte ich diese Chance nutzen sollen, mich mit Kinrou auszusprechen. Zwar war er nicht der größte Wortkünstler, aber er war der Einzige aus der Gruppe, welche gleichzeitig offen und aufrichtig ist. Aber anstelle seine Hilfe anzunehmen, meinte ich ganz trocken:
      „Ach, nicht so wichtig. Wahrscheinlich hat auch mich der Stress der letzten Tage erwischt. Wäre ja zu schön gewesen, wenn es mich nicht erwischt hätte.“
      Hmmm. Das kann ich durchaus verstehen. Allerdings wäre es besser, wenn ihr euch mit euren Kameraden absprechen würdet. Denkt daran: Als Leiter der Operation habt ihr einen großen Einfluss...“
      Mitten im Satz brach Lucario ab. Irgendetwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Bei jemand anderem könnte man das auf irgendein Geräusch zurückführen. Nicht bei Kinrou. Wenn ihn etwas aus der Fassung brachte, war es meist etwas Wichtiges oder etwas Bedrohliches.
      „Was spürst du?“
      Wenn ich es beschreiben müsste, wäre es Mordlust. Allerdings strahlt die Quelle keine Angriffslust aus. Was oder wer auch immer es ist: Wir sind definitiv sein Ziel.“
      „Wie weit ist er von uns entfernt?“
      ... Ich kann es nicht sagen. Scheinbar ist die Quelle direkt in unserer Nähe. Doch irgendwie kann ich die exakte Position nicht festmachen...“
      Das war keine gute Nachricht. „Schätzungsweise ein Geist-Pokemon. Allerdings kann das doch gar nicht sein. Bei dem Sonnenlicht könnten wir es gar nicht übersehen.“
      Die Lage gabe uns allen Grund zur Sorge. Dennoch fuhren wir zunächst weiter. Hätten wir in jenem Moment eine Pause eingelegt, wären wir angreifbar gewesen. In der Zeit warnten Kinrou und ich die Leute im Planwagen und bereiteten uns auf einen Konflikt vor.
      Doch es passierte nichts. Zwei Stunden vergingen, ohne dass irgendetwas passierte. Ein weiteres Problem war, dass außer Kinrou kein anderes Pokemon sich unwohl fühlte. Weder Alexandra noch Asahi; Kanas Resladero außen vor natürlich. Als ob ein Pokemon, welches von unserem Mannsweib trainiert wurde, irgendwelche Emotionen spüren kann. Pah!
      Meine Abneigung für Kana beiseite, auf der offenen Ebene hatten wir wenig Glück mit den Ortschaften. Es gab nur sehr wenige und die meisten waren aufgrund der fehlenden Unterstützung von der Regierung sehr knapp mit Lebensmitteln bemessen. Daher konnten diese keine Gäste aufnehmen. Zumindest konnten wir ihnen mit dem Hilfspaket, welches in einer Woche eintreffen sollte, eine gute Nachricht überbringen. Trotzdem blieben uns die Häuser verschlossen. Dies lag aber zum anderen auch daran, dass wir nicht unseren eigenen Vorrat an Essen verringern wollten. Für uns wäre es noch schwieriger, als Reisende an Lebensmittel zu kommen wie für die Einheimischen, Geld hin oder her...


      Nach etwa sieben Stunden mussten wir schließlich Halt machen. Laut der Karte wäre die nächste größere Ortschaft erst in 90 km Entfernung, daher machte es keinen Sinn, weiter zu fahren. Es war etwa vier Uhr nachmittags. Zusammen mit Kinrou sowie Kana und ihrem Begleiter bauten wir die Zelte auf. Groß darauf achten, in welcher Position die Zelte aufzubauen waren, mussten wir nicht. Auf den Ebenen gibt es zwar einige Pokemon, allerdings würden sie sich ohne natürliche Unterschlüpfe konstant Gefahr vor ihren Jägern aussetzen., wenn sie nachts dort blieben
      Glücklicherweise dauerte das Aufstellen der Zelte nicht lange, zu meiner Erleichterung. Eigentlich habe ich nichts gegen Handarbeit, allerdings nicht so... banale. Dummerweise hatten wir keine Wasserquelle in der Nähe, daher musste ich meinen Schweiß nur mit dem Handtuch abtrocknen. Mittlerweile störte mich der Gestank sehr; zu meiner Zeit als Taschendieb war es ganz normal.
      Während ich mich über diese Kleinigkeiten ärgerte, hatte ich nicht bemerkt, wie Naoki auf mich zugekommen war. Das gefühlte zehnte Mal erschrak ich, als er mich fragte:
      „Lord Akito, kann ich mit euch sprechen?“
      „Kannst du, wenn du mir einen Gefallen tust: Mach dich bitte etwas klarer bemerkbarer, falls du mit mir reden willst. Wie du vielleicht bemerkt hast, bin ich aufgrund der Stress der letzten Tage etwas weniger aufmerksam als sonst.“
      „Darüber wollte ich mit euch reden. Wie ihr sicherlich wisst, war ich gestern zusammen mit eurer Schwester am See der Ruhe.“
      Im Nachhinein frage ich mich eines: Wie habe ich es geschafft, nicht komplett auszuticken? In genau diesem Moment hatte Naoki mir zwei Sachen zu verstehen gegeben: Er wusste, dass ich die beiden gestern beobachtet hatte.Außerdem hat er keine Probleme damit, die Autorität seines Vorgesetzten infrage zu stellen. Ein Wunder muss geschehen sein, dass ich ihn nicht in jenem Moment in der Luft zerschredderte.
      „Was willst du mir damit sagen?“
      Naoki nahm tief Luft. „Ich weiß: Was ich euch jetzt sagen will, ist nicht gerade glaubwürdig, und ich bin mir vollkommen bewusst, wie wütend ihr auf mich sein müsst. Gerade deswegen wollte ich mit euch diese Dinge bereinigen. Ich bin nicht in eure Schwester verliebt. Meine Absicht war einzig und allein, Mei zu trösten.“
      „Und du meinst, dass ich dir jetzt einfach so glaube? Wenn du mich fragen würdest: Du spielst ein sehr gefährliches Spiel, Naoki. Du bist einfach nun mal ein Waldläufer. Wie stellst du dir vor, Teil einer der einflussreichsten Familien der Zanto-Region zu kommen?“
      Erst im Moment, als die Worte aus meinem Mund kamen, realisierte ich, was ich eigentlich gerade impliziert habe hatte. 'Ich bin Teil der Elite und du bist ein Niemand. Wie kannst du es wagen, dich über mich zu stellen?' Akito, der berüchtigte Taschendieb aus Zantosan, stellt sich über dieselbe Gruppe von Leuten, zu denen er einst gehörte. Entsetzt starrte ich auf den Boden. Es fühlte sich so an, als hätte ich mich selbst verraten.
      „Lord... bin... muss... könnt... hören?... etwas...“
      Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht den Grund dafür. Fakt ist jedoch, dass ich auf einmal Probleme mit meiner Wahrnehmung hatte. Es fühlte sich so an, als würde jemand in meinem Kopf sitzen und mir ein schlechtes Gewissen einreden wollen.
      Leider wurde es immer schlimmer. Langsam verschwamm meine Sicht, hören konnte ich sowieso nur ein unbestimmtes Wirrwar an Stimmen. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass im selben Augenblick Matsuri vorbeikam und mich in eines der Zelte brachte. Glücklicherweise erfuhren weder Kana noch Emi davon...

      Als ich aufwachte, war es bereits spät nachts. Noch war ich etwas benommen, also konnte ich nicht erkennen, wer mit mir alles im Zelt war. Dies war mir jedoch so ziemlich egal, da ich etwas frische Luft brauchte. Am Boden entlang tastend fand ich schnell den Ausgang. Eine wahre Wohltat. Ohne die wilde Geräuschkulisse konnte ich endlich wieder zur Besinnung kommen. Um dem ein wenig mitzuhelfen, ging ich mir ein wenig meine Füße vertreten. Eine kleine Gewohnheit von mir, die scheinbar in der Familie lag.


      Fünfzehn Minuten später wollte ich zum Lager zurückkehren. Stichwort: „Wollte“. Kaum hatte ich nämlich Kurs in Richtung der Zelte genommen, meldete sich mein Kopf wieder. ~Schon wieder? Langsam nervt das Ganze!“ Zu meiner Überraschung hörte ich jedoch nichts. Auch die Schmerzen waren nicht besonders groß. Daher ging ich einfach weiter. Was blieb mir denn groß übrig?
      Jedoch merkte ich nach einiger Zeit, dass etwas nicht stimmte. ~Was soll das? Wieso wird das Licht des Lagers immer schwächer?!“
      Schnell wurde mir eines klar: Hier ist jemand anderes am Werk. Wahrscheinlich unser Verfolger von heute Nachmittag. ~Wenn meine Vermutung stimmt, ist es das Geist-Pokemon. Außer der Typ, der mich hier verfolgt, kann zaubern. Pah, bestimmt...~
      Im selben Moment bestätigte sich mein Verdacht. Es war nämlich ein hämisches Gekichere zu hören. Meine Befürchtung war also tatsächlich richtig. Fragte sich nur, mit welchem Geist ich es hier zu tun hatte. „Komm schon raus! Du brauchst dich nicht zu verstecken. Als ob ich dir auch nur irgendwie etwas anhaben könnte...“ Als Antwort bekam ich nur ein schrilles Kichern. Ohne Zweifel war ich ein Spielzeug für meinen Verfolger. Von mir hatte er nichts zu befürchten, und wer weiß, mit welchen Attacken er mich hätte verletzen können. Diese Situation machte mich richtig wütend. In einer Mischung aus Verzweiflung und Wut nahm ich meinen Pistole und richtete sie genau vor mich. „Sehr lustig, mein Freund! Wenn du so gut drauf bist, können wir doch ein kleines Experiment machen, oder?“
      Auf dieses Experiment hatte mein Verfolger aber keine Lust. Noch bevor ich reagieren konnte, traf mich etwas Heißes an meinem Arm. Der Schmerz ließ meinen Arm zusammen zucken, während mir gleichzeitig meine Schusswaffe aus meine Hand fiel. ~Eine Feuerattacke. Dann ist es wohl...~
      Die Antwort kam gleich darauf. Das Licht wurde auf einmal größer und enthüllte die Identität des Geist-Pokemon. Es war ein Laternecto.
      „Kihihi...Kihihi...“
      In einer schlechteren Situation hätte ich nicht sein können. Ich war wehrlos, hatte ein gefährliches Pokemon am Hals und keine Menschenseele war da, um mir aus der Patsche zu helfen. Doch genau im richtigen Moment kam Fortuna mir zur Hilfe. Aus meiner Richtung kam eine Attacke auf das Laternecto zugeflogen. Darauf konnte es nicht schnell genug reagieren. Der Aufprall schleuderte es ein, zwei Meter nach hinten.
      ~Du wirst Lord Akito nicht weiter belästigen.~
      Treu, stark und immer da, wenn man ihn braucht. Typisch Kinrou. Doch eine Attacke war definitiv nicht genug, um das Laternecto auszuschalten. Nur ein paar Sekunden später war es wieder kampfbereit, mit demselben Grinsen im Gesicht. „Kihihi...“
    • Kapitel 8: Tanzende Flammen in der Nacht


      Instinktiv setzte Kinrou nach. Auch wenn seine Knochenkeule das Laternecto schwer getroffen hatte, wollte er ihm keine Chance zum Gegenschlag geben. Doch als es von Lucario's Dunkelklaue getroffen wurde, löste es sich in Nichts auf. ~Ein Delegator?!~ „Kinrou! Zieh dich sofort zurück!“ Dafür war es jedoch zu spät. Entsetzt musste ich mitansehen, wie Kinrou von einem Funkenflug erfasst wurde. Zwar konnte er sich auf den Füßen halten, aber das Feuer erhitzte mit Stahl besetzten Körperteile. Vor Schmerz stieß Kinrou ein lautes Heulen aus.
      „Kihihi...“ Das hämische Lachen schallte durch die Nacht, als es sich in Dunkelnebel umhüllte. Somit konnte es sein Kerzenlicht verbergen. Zumindest konnte Kinrou mit seiner Aura für etwas Licht Sorgen. „Deine Aura, Kinrou! Benutz deine Aura!“
      Es war die einzige Möglichkeit. Anders hätten wir keine Chance gehabt, Laternecto aufzuspüren. Kinrou schloss die Augen und setzte seine Aura frei. Leider litt seine Konzentration etwas aufgrund seiner Verletzungen. Trotzdem konnte er nach ein paar Sekunden die Position seines Gegners ausmachen. Als dieser das merkte, schoss er einen zweiten Funkenflug auf das Lucario. Doch Kinrou hatte damit gerechnet. Ein Turbotempo später und schon war er direkt vor dem Lampen-Pokemon. Dieses mal hatte es keine Möglichkeit, einen Delegator zu erschaffen.
      „Steinkante, Kinrou! Zahl's ihm heim“
      Auch wenn mein Partner definitiv nicht der Typ für Rache war, merkte man, dass seine Attacke mehr Durchschlagskraft als sonst hatte. Unbarmherzig flog Laternecto durch die Luft und knallte hart auf dem Boden auf. Zu meinem Erstaunen war es nicht kampfunfähig. Es stand sogar vergleichsweise schnell wieder auf. „Kihihi...Kihihi...Kihihi...“
      Die Situation machte mich ein bisschen perplex. ~Wie kann das sein? Kein Laternecto der Welt hätte diese Attacke aushalten können! Irgendwas stimmt nicht...?~ Erst in diesem Moment fiel mir auf: Dieses Laternecto hatte eine normalfarbene Flamme! ~Ein Schillermutation? Dann ist es wahrscheinlich eine Züchtung, mit einem erweiteren Fähigkeitenpool. Ich musste meine Strategie ändern. „Setz Energie-Attacken! Dieses Laternecto kann Säurepanzer, daher werden wir schlecht mit physischen Attacken durchkommen.“
      Kinrous Reaktion war nicht gerade ermunternd. Mein Partner wusste, dass sein Gegner es in dieser Kategorie überlegen war. Trotzdem zögerte er keinen Augenblick, seinen ersten Spukball aufzuladen. Laternecto tat es ihm gleich. Quasi synchron feuerten die beiden Pokemon ihre Attacken ab. Leider trat das wahrscheinlichere Szenario ein. Laternectos Angriff war stärker und ließ den von Kinrou abprallen. Zumindest war es nun ein leichtes für meinen Partner, auszuweichen. Ein weiterer Spukball wurde auf dieselbe Weise abgewehrt. Kinrou erkannte, dass er näher an Laternecto herankommen musste und griff auf seinen Turbotempo-Angriff zurück. Dummerweise setzte der Gegner instinktiv Dunkelnebel ein und der Kreis schließt sich. Auch wenn Lucario sich dieses Mal nicht vom Funkenflug treffen ließ, war er im Rhythmus seines Gegners gefangen: Einsetzen der Aura, Funkenflug, Spukball, Konter mit Spukball... so hätte es ewig weitergehen können. In solchen Situationen kommt der Trainer ins Spiel. Nun lag es an mir, eine Lösung für diesen Teufelskreis zu finden.
      ~Einen Spukball einzusetzen, kostet zu viel Zeit. Leider wird es unmöglich sein, eine direkte Attacke durchzuführen. Verdammter Dunkelnebel. Was wünschte ich, dass Kinrou Kampfattacken funktionieren... Halt, warte mal!~
      „Kinrou, Telepathie!“ Damit war nicht die Attacke, sondern richtige Telepathie gemeint. Die wichtigsten Pläne kommunizierte ich immer so weiter. ~Wenn du das nächste Mal mit Turbotempo auf ihn zustürmst, benutze Gesichte. Dann brauchst du dich nicht mit deinen direkten Attacken zurückzuhalten.~
      Verstanden, junger Meister.“
      Noch bevor er überhaupt den Kampf fortsetzte, wusste ich eines: Hiermit stand der Sieger fest. Wilde Pokemon können im Normalfall keine eigenen Strategien entwickeln. Es war daher nicht anders möglich, als das alles nach Plan verlief.
      Zum Glück verging das Ganze recht schnell. Auch mit dem Säurepanzer als Verteidigung konnte das Laternecto nicht den Attacken von Kinrou standhalten.
      „Kihihihi...hi..hihi...“
      Es sagt, dass es aufgibt und er darum bittet, mit euch verhandeln zu können.“
      Mit einem Geist-Pokemon verhandeln? Mit den zwielichtigsten Pokemon-At in Zanto? Jeder mit nur ein wenig Verstand im Kopf würde dir sagen, was für eine bescheuerte Idee das wäre. Typischerweise war mir das ziemlich egal.
      „Okay, für's Erste spiele ich mit. Doch zuvor will ich erstmal wissen, weshalb du gerade uns verfolgt hast.“
      Obwohl es alles andere als kampffähig war, klang das Kichern des Laternecto immer noch sehr unvertrauenswürdig. Fast, als ob es jeden Moment einem in den Rücken fallen würde.
      Anscheinend spürt es, wie Euch eine Spur des Unheils verfolgt. Scheinbar dachte er, Ihr wäret leichte Beute.“
      „Gut. Dann nun zum Punkt: Was möchtest du von mir und was hindert mich daran, dich nicht durch die Klauen meines Partners aus dieser Welt zu schaffen?“
      „Kihihi... kihihi...kihihi...“
      Genug mit dieser Dummschwätzerei! Das du es überhaupt wagst, an solch eine Frechheit zu denken...“
      ~Kinrou und wütend? Träume ich gerade? Warte mal... Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht...~
      Vorsichtig ging ich in Richtung des Geist-Pokemons. Lucarios Proteste waren mir in dem Moment ziemlich egal. Stattdessen betrachtete ich genau in das Gesicht des Laternectos. Meine Intuition sagte mir nämlich, dass ich dort etwas Vertraues sehen würde.
      Ich behielt recht. Das gezwungene Grinsen diente nur dazu, die Wut dieses Pokemons zu verbergen. Woher diese Wut kam, kennt jeder, welcher schon mindestens eine Gepenstergeschichte gehört hat.
      „An wem willst du dich rächen?“
      „Kihihi....KihihihiHiiiiiiii!!“
      Scheinbar sucht es seinen eigenen Trainer. Gleich nachdem... es auf diese Welt kam, verließ er es. Seitdem will es ihn finden, um ihn... töten... Junger Meister, ihr könnt nicht ernsthaft überlegen, dieses Scheusal zu einem eurer Vertrauten zu machen!“
      Kinrou hatte allen Grund, skeptisch gegenüber diesem Laternecto zu sein; vor allem mit solch einer dubiosen Herkunft. Wahrscheinlich deswegen war ich so sicher, dass er mir auf meiner Reise weiterhelfen wird.
      „Clerval. Das ist dein neuer Name. Nimm ihn sowie all meine Befehle ohne Widerrede an. Dann werde ich dir bei deiner Rache helfen...“

      Am darauffolgenden Tag passierte nichts Aufregendes. Was auch gut war. Nach dem Stress, den mir Clerval in jener Nacht gemacht hat, war es gut, einen Tag einfach mal entspannen zu können. Glücklicherweise hatte niemand etwas von dem Kampf zwischen Laternecto und Lucario gemerkt. Ansonsten wäre ich ziemlich in Schwierigkeiten geraten.
      Nach einer weiteren langen Fahrt – Kana war am Steuer – kamen wir in einer kleineren Küstenstadt namens Tenshou an. Schnell fanden wir eine Gaststätte, sogar eine ziemlich gute, wenn ich das sagen darf. Wir alle waren sichtlich erleichtert, eine komfortable Unterkunft zu haben. Trotzdem war die Stimmung noch etwas gedrückt. Scheinbar spürten alle, welche Spannungen gerade in unserer Gruppe herrschten. Aber hätte einer reinen Tisch gemacht, wären wir wohl auf dem Weg zurück nach Zantosan.
      Für dieses Problem musste ich eine Lösung finden. Allerdings frage ich mich gerade, weshalb ich dachte, bei einer Tasse Tee auf dem Balkon des Gasthases die Lösung finden zu können. Dummerweise war ich nicht einmal allein. Wer hat noch Clerval im Kopf? Noch war ich mir unsicher, wie sehr ich mich auf ihn verlassen konnte. Daher befahl ich ihm, sich tagsüber als eine Lampe auszugeben. So erfuhren die anderen wenigstens nichts davon.
      Allerdings hatte es einen Vorteil, auf dem Dach zu sein: Ich konnte meinen liebsten Briefvogel nicht übersehen, als er eine weitere Nachricht von Nobu brachte. Dieses Mal war es allerdings nur ein Brief, mit dem üblichen Siegel versehen.

      An Little Devil,

      die Nachricht vom Unfall in Shippongi ist gerade erst eingetroffen. Genauere Details wurden nicht preisgegeben, aber die Botschaft Mizubions nutzt dies gerade, um sich nochmals bei der Regierung über die mangelnde Unterstützung zu beschweren. Interessanterweise hat sich nun die Botschaft von Hyougoku mit eingeschaltet. Laut ihrem Direktor möchte die Koizumi-Familie die politische Stabilität bewahren. Als Zeichen ihres Entgegenkommens wollen sie ein Handelsabkommen anbieten: Als Austausch für eine „große Summe“ an Helion würde Lord Koizumi gerne geologische Arbeiten in West-Mizubion durchführen. Die ganze Sache scheint zu selbstlos für jemanden wie Koizumi zu sein. Daher werde ich mich an die Fersen von Ihnen haften.
      Gez. Gray Man


      ~Lord Koizumi also?~ Ehrlich gesagt teilte ich Nobus Argwohn nicht. Es war zwar nur ein einziges Mal, allerdings scheint dieser Handel durchaus charakteristisch für den Geologen zu sein. Schon bei unserem ersten Treffen war seine Versessenheit für sein Studienfach sichtbar. Daher würde es mich nicht wundern, wenn Koizumis fanatische Ader ihn zu einem solch lächerlichen Geschäft antreiben würde. Trotzdem konnte ich verstehen, woher Nobus Verdacht kam.
      Auf den Gedanken konnte ich nicht weiter eingehen, weil sich in dem Moment Emi und Matsuri zu mir gesellten.
      „Geht es dir gut, großer Bruder? Ich habe von Matsuri gehört, was gestern passiert ist.“
      Fast schon gezwungen setzte ich ein Lächeln auf mein Gesicht. „Tut mir leid, Emi. Die letzten Tage haben auch mir etwas zugesetzt. Aber mach dir keine Sorgen: Jetzt, da wir auf einem richtigen Straßenpfad reisen werden, wird die Reise schneller vorankommen. Plus, jetzt sind wir außerhalb der Gefahrenzone. Auf der Ebene leben nicht allzu viele Pokemon. Matsuri, hat dir der Wirt gesagt, wann wir morgen abreisen müssen?“
      „Wir haben keine Eile. Es werden nur sehr wenige Gäste erwartet., daher können wir auch bis zum Abend warten.“
      „Gut, aber ehrlich gesagt möchte ich nicht lange warten. Sag den anderen, dass wir...“
      Noch bevor ich enden konnte, hatte Emi meine Hand ergriffen. Sie wusste, dass ich ihr etwas vormache. „Bruder, bitte. Ich weiß, dass du mir nicht alles sagen willst. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Aber bitte überstürze nichts! Du weißt, dass dies deine Schwäche ist.“
      Ich hasse es, durchschaut zu werden. Doch der Ausdruck auf den Gesichtern der beiden sprach eine eindeutige Sprache. „Nun gut. Du hast ja recht, Schwester. Machen wir Mittag daraus, okay?“
      Auf diese Antwort wurde Emis Griff stärker. „Danke, großer Bruder...“ Scheinbar wollte sie noch mehr sagen, aber sie brachte keine Worte heraus. Ich nickte kurz zu Matsuri hinüber. Sie verbeugte sich kurz und verließ die Veranda.
      Sehr viel passierte nicht mehr. Um ehrlich zu sein, passierte nichts wirkliches mehr bis zu unserer Ankunft hier im Rudrekon-Gebirge. Daher lasse ich mal einiges aus. Sehr viel Zeit habe ich sowieso nicht mehr...

      PS: Nach dem nächstem Kapitel wird die Fanfiction in einer anderen Weise fortgesetzt. Wie ihr gemerkt habt, ist mein Schreiben etwas eingebrochen die letzten Wochen. Mir fehlt etwas die Motivation. Daher habe ich mir etwas überlegt: Ich werde eine weitere Figur als zweiten Protagonist einbauen und so die Handlung von mehreren Seiten behandeln. Keine Sorge, es wird eine Handlung bleiben, mit denselben Charakteren. Allerdings werden wir einige Charaktere genauer zu sehen bekommen.
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